Die Märkte sind derzeit von Panik ergriffen: Aktien und Anleihen fallen, das Pfund Sterling markiert neue Tiefststände, Ängste über eine Rezession sind allgegenwärtig – und das alles, weil eine knappe Mehrheit der Wähler im Vereinigten Königreich entschieden hat, dass das Land aus der Europäischen Union austreten solle.

Die britische Öffentlichkeit hat gesprochen; die Würfel sind gefallen. Die neue britische Premierministerin Theresa May wird unter Bezug auf Artikel 50 des Vertrags von Lissabon den Austritt beantragen müssen. Innerhalb von zwei Jahren dann wird Grossbritannien offiziell aus der EU ausgeschieden sein, ob es einem nun gefällt oder nicht.

Ist die Angst berechtigt?

Doch ist all die Angst an den Märkten berechtigt? Man könnte argumentieren, dass die Aussichten deutlich weniger düster sind als den meisten Menschen bewusst ist. Mein Ratschlag ist, tief durchzuatmen und eine langfristige Perspektive einzunehmen, denn diese Geschichte ist noch lange nicht vorbei. Es könnte sein, dass das Ende sich als überraschend harmlos erweist und, ironischerweise, nicht viel anders aussieht als das, was wir heute haben.

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Die Herausforderungen sind offensichtlich. Die knappe Mehrheit für «Leave» legt nahe, dass viele Menschen in Grossbritannien die Idee eines «Brexit» nach wie vor aus tiefstem Inneren ablehnen.

Welche Grossstadt soll London ersetzen?

Zunächst ist da die City, Londons «Wall Street», die trotz der Tatsache, dass das Vereinigte Königreich das Pfund Sterling verwendet und nicht den Euro, seit langem als das pulsierende Finanzzentrum der EU dient und deren Tor zu den Märkten der übrigen Welt darstellt. Wenn Grossbritannien nicht mehr Teil der EU ist, ist zu erwarten, dass grosse Teile des Geschäfts der City sich auf dem Kontinent eine neue Heimat suchen.

Die einzige Frage ist, welche Grossstadt London ersetzen wird. Die logischste Wahl dürfte Frankfurt, der Standort der Europäischen Zentralbank, sein, aber auch Paris und Amsterdam sind im Rennen.

Die britischen Exporteure sind ebenfalls unglücklich, denn die Hälfte ihrer Umsätze erzielen sie mit anderen EU-Mitgliedsstaaten. Und auch die Schotten und die Nordiren sollte man nicht vergessen; diese haben mit überwältigender Mehrheit gegen den Brexit gestimmt und sind bereit, grosse Anstrengungen zum Erhalt ihrer Mitgliedschaft im europäischen Club zu unternehmen.

Das Motto ist Durchwursteln

Tatsächlich zeigen sogar einige der enthusiastischsten Leave-Befürworter Anzeichen von Kaufreue, nun, da der Preis des Brexit zunehmend klar wird. Der notorischste unter ihnen ist Boris Johnson, der ehemalige Bürgermeister von London, der nur vier Tage nach dem Referendum im Daily Telegraph einen Kommentar veröffentlichte mit der Überschrift: «Ich kann nicht stark genug betonen, dass Grossbritannien Teil Europas ist – und immer sein wird».

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Wie also sollte Grossbritannien dem demokratischen Willen seiner Wähler nachkommen und trotzdem ein «Teil Europas» bleiben, so wie die City und andere sich das wünschen? Die Antwort ist einfach: durch Durchwursteln. Das sollte letztlich nicht allzu schwer sein. Dies ist schliesslich das Land, von dem der Historiker John Robert Seeley einst schrieb, es habe «in einem Anfall von Geistesabwesenheit die halbe Welt erobert und bevölkert».

Auch die EU ist gut im Durchwursteln

Zum Glück kann auch die EU selbst auf eine stolze Tradition des Durchwurstelns verweisen und stützt sich seit langem auf diffuse Vereinbarungen, um den Bedürfnissen und Forderungen seiner unterschiedlichen Mitglieder Rechnung zu tragen. Die EU wäre höchstwahrscheinlich schon früh zusammengebrochen ohne ihren, wie die Zeitschrift The Economistes nennt, „Geist schmutziger Kompromisse». Wo sich unterschiedliche Interessen nicht ohne Weiteres unter einen Hut bringen lassen, hat die EU die Techniken der Vernebelung und der Mehrdeutigkeit perfektioniert, um für das weitere schwerfällige Vorankommen des Ungetüms zu sorgen.

Kann ein derartiges Arrangement nun Grossbritannien in Europa halten? Wäre ich ein Glücksspieler, ich würde auf «Ja» wetten. Die Politiker wissen, dass trotz der eindeutigen Formulierung nie ein simples «rein» oder «raus» zur Wahl stand. Zwischen diesen beiden Polen gibt es eine Vielzahl möglicher Kompromisse, im Rahmen welcher Grossbritannien zu einem informellen Partner der EU würde, selbst wenn es kein offizielles Mitglied mehr ist.

Der grösste Stolperstein ist die Einwanderung

Die wahrscheinlichste Möglichkeit, die einem an dieser Stelle einfällt,  ist als die «norwegische Option» bekannt. Norwegen ist Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums, aber hat Zugang zum EU-Binnenmarkt. Im Gegenzug für dieses Privileg leistet Norwegen einen jährlichen Beitrag zum EU-Haushalt, verpflichtet sich, die Regeln des Blocks einzuhalten – obwohl es nicht an ihrer Formulierung beteiligt ist – und gestattet die Freizügigkeit von EU-Bürgern. Es besteht wenig Anlass für Zweifel, dass Grossbritannien nicht etwas Ähnliches aushandeln könnte.

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Am einfachsten wäre der jährliche Beitrag auszuhandeln, der sich nicht grossartig von dem unterscheiden müsste, was das Vereinigte Königreich heute an die EU überweist. Auch sollte es nicht schwer sein, einen Weg zu finden, Grossbritannien eine Möglichkeit zur Aussetzung neuer EU-Regeln zuzugestehen ähnlich jener, die es bereits ausserhalb der Eurozone unter dem Banner «unverzichtbarer nationaler Interessen» geniesst.

Der grösste Stolperstein ist die Einwanderung, die so viele Leave-Wähler motiviert hat. Doch selbst hier ist es nicht unmöglich, sich vorzustellen, dass die Diplomaten die Dinge ausreichend verunklaren könnten, um zu einer Einigung zu gelangen, die selbst das Leave-Lager schlucken kann.

Der Geist «schmutziger Kompromisse» der EU

Kurz gesagt: Es besteht eine reelle Chance, dass sich in zwei oder drei Jahren, wenn sich der Rauch gelichtet hat, praktisch gesehen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU kaum etwas geändert haben wird. Streng rechtlich betrachtet wird Grossbritannien dann kein EU-Mitglied mehr sein. Anderweitig jedoch wird das Leben weitgehend weitergehen wie bisher. Der Geist „schmutziger Kompromisse» der EU wird einmal mehr den Sieg davongetragen haben.

Benjamin J. Cohen ist Professor für internationale politische Ökonomie an der University of California in Santa Barbara und der Verfasser zahlreicher Bücher, darunter zuletzt Currency Power: Understanding Monetary Rivalry.

Copyright: Project Syndicate, 2016.
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