Die historische Geldflut durch die Europäische Zentralbank (EZB) läuft nach Einschätzung der deutschen Finanzbranche ins Leere. «Ich gehe nicht davon aus, dass sich die Zinsbeschlüsse auf die Kreditvergabe in Südeuropa auswirken», sagte der Hauptgeschäftsführer des deutschen Bankenverbandes (BdB), Michael Kemmer, am Freitag. Auch den Nutzen der zusätzlichen milliardenschweren Liquiditätsspritzen stellte er infrage: «Viele Unternehmen sind bereits überschuldet und werden nur durch Geldspritzen künstlich am Leben erhalten. Solche Zombie-Unternehmen schaden dem wirtschaftlichen Aufschwung eher, als dass sie ihm nützen.»

Die EZB hatte am Donnerstag den Leitzins auf ein Rekordtief von 0,15 Prozent gesenkt und dazu ein Massnahmenpaket geschnürt, um der Wirtschaft in der Euro-Zone – vor allem in den schwächelnden südlichen Ländern – stärkere Wachstumsimpulse zu geben. Dazu gehören Strafzinsen für Banken, um zu verhindern, dass diese ihre überschüssigen Mittel lieber bei der Zentralbank parken als sie in Form von Krediten an Unternehmen und Haushalte weiterzureichen. Ausserdem stellt die EZB den Banken 400 Milliarden Euro zur Verfügung und schaut genau hin, dass das Geld an Firmen für Investitionen etwa in neue Maschinen fliesst.

Konflikt zwischen Kreditnehmern und Sparern

Die Massnahmen der EZB sind unter Experten umstritten: Denn während Kreditnehmer von den historisch niedrigen Zinsen profitieren dürften, haben Sparer das Nachsehen. Die ersten Aufseher warnen zudem, die Geldhäuser könnten angesichts der anhaltenden Zinsflaute im klassischen Privatkunden- und Einlagengeschäft unter Druck kommen und - wie schon vor der Finanzkrise – zu grosse Risiken mit anderen Geschäften eingehen, um überhaupt noch etwas zu verdienen.

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Im BdB sind unter anderem Deutsche Bank und Commerzbank organisiert. Die beiden Institute wollten sich auf Reuters-Nachfrage nicht dazu äussern, ob sie ihre Kreditpolitik in den Krisenländern nach den EZB-Beschlüssen auf den Prüfstand stellen und gegebenenfalls die Standards lockern. Aus dem Umfeld der Geldhäuser verlautete aber, grundsätzlich bekämen solide Unternehmen seit jeher Kredit – egal ob in Nord- oder Südeuropa. Das liege jedoch allein im Ermessen der Bank, reinreden lasse man sich nicht.

Kosten werden weitergegeben

Weil das Geld bei der EZB sicher wie nirgends ist, bunkern viele Finanzinstitute dort im Moment Milliarden. Das wirft schon länger keine Zinsen mehr ab, künftig müssen die Institute aber sogar draufzahlen. Zumindest die deutschen Banken wollen das nach früherem Bekunden in Kauf nehmen. Grosse Institute haben bereits signalisiert, die Kosten im Zweifelsfall an die Kunden weiterzugeben - indem sie etwa noch weniger Zinsen auf Guthaben zahlen oder die Kontoführungsgebühr anheben.

(reuters/lur/moh)