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Deutschland: Kühle Stimmung trotz Export-Boom

Am Hamburger Hafen lief das Exportgeschäft rund. (Bild: Keystone)

Deutschlands Wirtschaft ist im vergangenen Quartal deutlich gewachsen. Dagegen hat die Euro-Schuldenkrise das Ifo-Stimmungsbarometer in den Keller gedrückt. Die Finanzmärkte reagieren besorgt.

Veröffentlicht am 24.05.2012

Der starke Aussenhandel hat Europas Konjunkturlokomotive Deutschland zum Jahresanfang wieder in Fahrt gebracht. Gegenüber dem Vorquartal stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,5 Prozent, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit und bestätigte damit vorläufige Zahlen von Mitte Mai.

Dank der wachsenden weltweiten Nachfrage nach deutschen Produkten ist die Konjunktur nach der Delle zum Jahresende wieder überraschend rasant gewachsen. Im Schlussquartal 2011 hatte es für das deutsche BIP mit einem Minus von 0,2 Prozent den ersten kleinen Dämpfer seit der Wirtschaftskrise 2009 gegeben.

Ökonomen erwarten, dass sich der Konjunkturaufschwung in den kommenden Monaten zwar verlangsamt, Deutschland aber auf Wachstumskurs bleiben wird. Insgesamt liegen die BIP-Prognosen für das Gesamtjahr zwischen einem halben und über einem Prozent.

Wachstumsbeitrag durch Aussenhandel

Wachstumstreiber waren am Jahresanfang die Exporte: Von Januar bis März 2012 wurden preisbereinigt 1,7 Prozent mehr Waren und Dienstleistungen exportiert als im Vorquartal. Da die Importe auf dem Niveau des Vorquartals verharrten, lieferte der Aussenhandel insgesamt einen Wachstumsbeitrag von 0,9 Prozentpunkten und stützte damit die gute Entwicklung des BIP.

Im Vergleich zum ersten Quartal 2011 legte die Wirtschaftsleistung preisbereinigt um 1,7 Prozent zu, auch dank des zusätzlichen Arbeitstages im Schaltjahr 2012. Für das Gesamtjahr 2011 bestätigte das Statistische Bundesamt ein BIP-Wachstum von 3 Prozent.

Im Sog der Euro-Schuldenkrise

Im Sog der Euro-Schuldenkrise trübte sich das Ifo-Geschäftsklima derweil zum ersten Mal seit einem halben Jahr ein. Das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer fiel im Mai von 109,9 Punkten im Vormonat auf 106,9 Zähler und rutschte damit deutlich stärker ab als Experten erwartet hatten.

Der Geschäftsklimaindex fiel damit auf den niedrigsten Wert seit November 2011. Der aktuelle Rückgang ist der stärkste seit August 2011. Schon damals sorgte eine Zuspitzung der Griechenlandkrise für eine ähnlich starke Eintrübung der Stimmung in den deutschen Unternehmen. Es trübten sich sowohl Erwartungshaltung als auch die Lagebeurteilung spürbar ein.

Stimmung im Einzelhandel eingebrochen

Die Geschäftserwartungen fielen den Angaben zufolge von 102,7 Punkten im Vormonat auf 100,9 Zähler. Die Lagebeurteilung rutschte von 117,5 Punkte auf 113,3 Punkte. «Die Geschäftslage befindet sich aber immer noch oberhalb des langfristigen Durchschnitts», sagte der Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Die zukünftige Entwicklung werde von den Unternehmen hingegen pessimistischer beurteilt.

«Insbesondere im Einzelhandel ist die aktuelle Lageeinschätzung eingebrochen», kommentierte Sinn weiter. Im Grosshandel sei der Rückgang hingegen vergleichsweise gering ausgefallen. Einen Rückgang habe es auch im Bauhauptgewerbe gegeben. Mit Blick auf die Entwicklung in den kommenden sechs Monaten «halten sich positive und negative Erwartungen in etwa die Waage», sagte Sinn weiter.

Warnung der Experten

Nach der Veröffentlichung der Ifo-Daten warnten Experten unisono, dass nun auch Deutschland unter den Folgen der Schuldenkrise leide. Mittlerweile gerate auch die grösste europäische Volkswirtschaft «zunehmend in den Sog der Krise», sagte Experte Christoph Weil von der Commerzbank. Auch die Volkswirte der Landesbank Hessen-Thüringen zeigten sich überrascht, wie stark die Schuldenkrise mittlerweile die deutsche Wirtschaft belastet.

Die Finanzmärkte reagierten ebenfalls besorgt auf die Veröffentlichung der Ifo-Daten. Der Kurs des Euro rutschte zeitweise auf ein Tagestief bei 1,2514 US-Dollar, konnte sich im weiteren Handelsverlauf aber wieder etwas erholen. Die Kurse der als besonders sicher geltenden Bundesanleihen setzen ihre Rekordjagd der vergangenen Handelstagen fort.

Das Geschäftsklima des Ifo-Instituts ist das wichtigste Stimmungsbarometer für die deutsche Wirtschaft. Es basiert auf einer monatlichen Umfrage unter rund 7.000 Unternehmen.

(vst/tno/awp)

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