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Die Sünden der Banker haben die Politiker heimgesucht

Howard Davies

April ist der grausamste Monat, so heisst es in der Anfangszeile des bekannten Gedichts «Das wüste Land» (The Waste Land) von T.S. Eliot. Wäre Eliot ein professioneller Investor gewesen, der in den ve

Von Howard Davies *
am 24.08.2011

Im August 2007 stürzte die Entscheidung der BNP Paribas, einer der führenden französischen Geschäftsbanken, zwei ihrer Hedgefonds im Zuge der Subprime-Krise zu schlies­sen, alle europäischen Banken in eine Liquiditätskrise. In diesem Jahr steht die grosse Rivalin der BNP im Fokus, die Société Générale. Ihr Aktienkurs fiel an einem Tag Mitte August um über 14 Prozent und erreichte Tiefstände, die es seit zweieinhalb Jahren nicht gegeben hatte. Gerüchte über eine mögliche Herabstufung der Kreditwürdigkeit Frankreichs machten die Runde, begleitet von Spekulationen über die Konsequenzen für französische Banken. Diese wehrten sich und betonten, sie seien ungerechterweise herausgepickt worden.

Die Bilanzen der Banken im Mittelpunkt der Krise

Die Banker haben nicht ganz unrecht. Frankreich ist nicht das Epizentrum der Krise in der Euro-Zone. Die Konkurrenz um diese Position ist gross – zu gross. Griechenland war ein früher Favorit für diese Rolle, sah sich aber mit Irland eine Zeit lang einem ernst zu nehmenden Herausforderer gegenüber. Portugal schien auf dem besten Wege, fällt jetzt aber leicht zurück. Dafür rücken Spanien und Italien nach. Frankreich möchte glauben, dass es sich in den hinteren Reihen befindet und im Gleichschritt mit Deutschland gemächlich schlendert.

Die Entwicklung der Krise hat die Bilanzen der europäischen Banken klar in den Mittelpunkt rücken lassen. Die Regierungen der ­Euro-Länder haben sich als nicht gewillt oder ausserstande erwiesen, eine Lösung vorzuweisen, die die Märkte davon überzeugt, dass sie das Problem im Griff haben. Inzwischen scheint es unvermeidlich, dass sich die Euro-Zone entweder verkleinern und Teile der wettbewerbsunfähigen Peripherie ausscheiden muss, zumindest vorübergehend, oder dass die Schulden der Mitgliedsstaaten kollektiv garantiert werden müssen, was eine Form von Fiskalunion voraussetzt.

Das politische Problem besteht darin, dass sich die zweite Lösung noch nicht an deutsche Wähler verkaufen lässt, geschweige denn an nationalistische Randparteien wie Frankreichs Front National und Finnlands «Wahre Finnen». Vielleicht werden sich die Deutschen überzeugen lassen, wenn sie vor die Alternative des Zusammenbruchs der Euro-Zone gestellt werden, der die Deutsche Mark oder einen nordeuropäischen Euro in die unangenehme Lage versetzen würde, in der sich der Schweizer Franken heute befindet. Doch vielleicht muss sich die Lage erst verschärfen, bevor die politische Stimmung umschlägt.

Unterdessen schiebt der Europäische Rat die Probleme weiter vor sich her. Amerikaner benutzen hierfür gern das Bild einer Blechdose, die man auf der Strasse vor sich her kickt («to kick the can down the road»). Die Blechdose liegt natürlich nicht auf der Strasse, sondern in den Geschäftsräumen der Banken. EU-Geldhäuser haben Staatsanleihen in ihren Büchern, die eindeutig nicht 100 Cent pro Euro wert sind. Doch nicht einmal der von Bankenaufsichtsbehörden durchgeführte «Stresstest» hat es den Banken abverlangt, diese unbequeme Wahrheit einzugestehen.

Viele Banken der Euro-Zone sind seit dem Ausbruch der Finanzkrise weit weniger mit der Stärkung ihrer Kapitalunterlegung und Liquidität vorangekommen als amerikanische und britische Banken. Diese Ungleichheiten sind im letzten IWF-Bericht zur Stabilität des globalen Finanzsystems («Global Financial Stability Report») vom April dargelegt worden, der eine beeindruckende Analyse enthält. Diese zeigt die Veränderungen beim materiellen Eigenkapital (Tangible Common Equity, TCE) innerhalb der letzten zwei Jahre und das Ausmass, in dem Banken auf die Refinanzierung über externe Quellen am Interbanken- oder Kapitalmarkt (Wholesale Funding) angewiesen sind. Ein EU-Zentralbanker bezeichnete diese Aufstellung mir gegenüber als «Killer-Diagramm».

Der Stillstand der europäischenFinanzhäuser

Aus dem Bericht geht hervor, dass Banken in den Vereinigten Staaten ihr Kapital von etwa 5,5 Prozent auf etwa 7,5 Prozent erhöht und ihre Abhängigkeit vom Wholesale Funding von 30 Prozent auf 25 Prozent reduziert haben. Britische Banken haben weniger Fortschritte beim Tangible Common Equity gemacht, das von knapp unter 3 Prozent auf knapp über 4 Prozent gestiegen ist. Ihre Abhängigkeit vom Wholesale Funding konnte hingegen von fast 45 Prozent im Jahr 2008 auf gegenwärtig weniger als 35 Prozent deutlich verringert werden.

Im Gegensatz dazu hat es bei den Banken der Euro-Zone bei beiden Indikatoren fast Stillstand gegeben. Ihr Kapital ist geringfügig gestiegen, bleibt aber unter dem von Banken im Vereinigten Königreich (und deutlich unter dem amerikanischer Banken) und sie sind mit fast 45 Prozent ihrer gesamten Finanzierung weiterhin auf die Wholesale-Märkte angewiesen.

Aus diesem Grund erweist sich die anhaltende Unsicherheit über die Integrität der ­Euro-Zone und den Wert der Staatsanleihen ihrer Mitglieder als derart schädigend für ihre Banken. Wird es ihnen unter diesen Umständen möglich sein, ihre Refinanzierung über die Märkte zu verlängern? Die Griechen und die anderen Länder, die besonderen Massnahmen unterworfen sind, sind ohnehin schon von den Wholesale-Märkten ausgeschlossen und fast vollständig auf die Liquiditätsversorgung der Europäischen Zentralbank angewiesen. Könnte Banken anderswo das Gleiche ­widerfahren?

Die gescheiterten Bemühungen,eine Lösung hervorzubringen

In den Jahren 2007 bis 2008 suchten die Sünden der Banker die Politiker heim; jetzt ist es umgekehrt. Vielleicht gibt es einen Unterschied: Die Sünden der Banker bestanden im Tun des Verbotenen, während die Sünden der Politiker – wiederholt gescheiterte Bemühungen, eine Lösung hervorzubringen, die dem Ausmass des Problems gerecht wird – Sünden im Unterlassen des Gebotenen sind. Die Konsequenzen wiegen allerdings gleichermassen schwer.

Ich bin immer davon ausgegangen, dass die Deutschen letzten Endes einsehen würden, dass es in ihrem Interesse ist, dafür zu sorgen, dass die Euro-Zone intakt bleibt. Churchill sagte über die Amerikaner: «Man kann sich immer darauf verlassen, dass sie das Richtige tun werden, aber erst, wenn sie alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft haben.» Den Deutschen bleiben inzwischen kaum noch Alternativen übrig. Wenn sie nicht bald das Richtige tun, werden einige Banken umkippen und europäische Regierungen werden erneut gezwungen sein, öffentliche Gelder bereitzustellen. Das wird sich als ebenso unpopulär erweisen wie eine Rettung der Griechen und wahrscheinlich wesentlich kostspieliger.

Howard Davies, ehemaliger Vorsitzender der britischen Finanzaufsicht FSA, stellvertretender Gouverneur der Bank von England und bis im Frühjahr 2011 Direktor der London School of Economics, ist Professor an der Hochschule Sciences Po in Paris.© Project Syndicate, 2011

* Howard Davies, Britischer Ökonom

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