Unfassbares Ausmass der Anschläge in Norwegen: Beim Bombenanschlag in Oslo und dem Angriff auf ein Jugendlager wurden am Freitag mehr als 90 Menschen getötet. Allein in dem Lager auf der Insel Utøya starben mindestens 85 Menschen, wie die Polizei mitteilte.

Die Polizei schloss nicht aus, dass sich die Zahl der Toten weiter erhöhen könnte. Im See um die Insel Utøya werde nach weiteren Opfern gesucht.

«Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg ist unser Land von einem Verbrechen dieses Ausmasses getroffen worden», sagte Ministerpräsident Jens Stoltenberg Stoltenberg bei einer Medienkonferenz am Samstagmorgen.

Verdächtiger soll rechte und islamfeindliche Ansichten haben

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Die Behörden nahmen auf Utøya  einen 32-jährigen Norweger fest. Der Mann gilt für die Osloer Polizei als Täter beider Anschläge. Das sagte Fahndungschef Øystein Mæland bei der Medienkonferenz im Polizeihauptquartier am Samstagvormittag. Er wollte aber keine Einzelheiten über den Ablauf, mögliche Hintergründe und die bisherigen Aussagen des mutmasslichen Täters nennen. Aber: «Es deutet einiges darauf hin, dass er sich erklären wird», sagte Mæland.

Die Polizei von Oslo hat Hinweise auf eine rechtsextreme Orientierung des mutmasslichen Doppel-Attentäters. Die Internetseite des Tatverdächtigen lasse eine rechtsextreme, christlich-fundamentalistische Haltung erkennen, erklärte die Polizei. Er sei bisher jedoch nicht im Blickfeld der Polizei gewesen.

Norwegens Regierung will einem möglichen rechtsextremistischen Hintergrund für die zwei Anschläge auf den Grund gehen. Aussenminister Jonas Gahr Støre sagte am Samstag an einer Pressekonferenz in Oslo: «Das ist ein Phänomen, das wir sehr ernst nehmen müssen.»

Derweil sucht die Polizei nach einem möglichen zweiten Täter der Anschläge. Das bestätigten Fahndungssprecher in Oslo. Als Hintergrund wurden die Angaben von Augenzeugen genannt. Kriposprecher Einar Aas sagte der Online-Ausgabe der Zeitung «Verdens Gang»: «Wir haben mehrere übereinstimmende Zeugenaussagen, wonach es einen zweiten Täter geben soll. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, das aufzuklären.»

Mehrere Ministerien zerstört

In ihren bisherigen Erklärungen war die Polizei von einem Einzeltäter ausgegangen. Der 32-Jährige hatte demnach offenbar zunächst gegen 15.30 Uhr die Bombe im Regierungsviertel der norwegischen Hauptstadt zur Explosion gebracht.

Die Detonation vor dem 17-stöckigen Hauptgebäude der Regierung war so heftig, dass das sämtliche Fensterscheiben zerstört wurden. Metall und Trümmerteile wurden über Hunderte Meter verstreut.

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Auch mehrere benachbarte Ministerien wurden beschädigt. Das Ölministerium geriet in Brand. Ministerpräsident Jens Stoltenberg hielt sich zum Zeitpunkt der Explosion nicht in seinem Amtssitz auf. Die Polizei rief die Bevölkerung zum Verlassen der Innenstadt auf. Dort bezogen am Abend Soldaten Stellung.

Täter schiesst wahlos auf Jugendliche

Nach dem Attentat fuhr der Attentäter zur knapp eine Autostunde entfernten Insel Utøya. Hier eröffnete er das Feuer auf die insgesamt etwa 600 Jugendlichen in dem Ferienlager. Augenzeugen berichteten, der Täter habe wahllos auf die Jugendlichen geschossen.

Viele der Teenager im Alter von 14 bis 17 Jahren sprangen aus Todesangst ins Wasser, um schwimmend von der Insel zu entkommen. Der Attentäter habe auch auf sie geschossen. Ein Überlebender beschrieb, wie er sich hinter Steinen vor dem Täter versteckte. «Ich habe ihn einmal gesehen, 20, 30 Meter von mir entfernt.» In seiner Todesangst habe er an «alle die Menschen gedacht, die ich liebe».

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Norwegens König Harald V. bezeichnete die Attentate als «unfassbare Tragödie». «Es ist wichtig, dass wir zusammenstehen und einander stützen», sagte er.

«Niemand wird uns zum Schweigen bringen»

Ministerpräsident Stoltenberg demonstrierte Entschlossenheit. «Die Antwort auf Gewalt ist mehr Demokratie, mehr Menschlichkeit, aber nicht mehr Naivität», sagte er. «Niemand wird uns durch Bomben zum Schweigen bringen, niemand wird uns durch Schüsse zum Schweigen bringen.» Stoltenberg hätte am Samstag in dem Jugendcamp eine Rede halten sollen.

Die internationale Gemeinschaft zeigte sich erschüttert von den Anschlägen. Unter anderen verurteilten Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon und US-Präsident Barack Obama die Tat.

(tno/sda)