Der «Erdogan-Effekt» ist schnell verpufft. Nicht einmal bis zum Mittag hat die Wahl von Recep Tayyip Erdogan in das Amt des Präsidenten der türkischen Börse Auftrieb gegeben. Der Leitindex ISE 100 rutschte ins Minus und auch die Währung konnte ihre Anfangsgewinne nicht halten. Das kurze Aufflackern vor dem Rückgang erscheint symptomatisch für die Entwicklung, die Mahner nach der ersten direkten Präsidentschaftswahl für die Türkei fürchten.

Erdogan selbst setzte zunächst auf sanfte Töne. Nach seinem Sieg mit rund 52 Prozent der Stimmen laut vorläufigem Ergebnis versprach er seinem Land einen Neuanfang. Er hatte zuvor deutlich gemacht, dass er als erster vom Volk gewählter Präsident selber die Geschicke der Türkei lenken will. Bislang war das Amt des Staatsoberhauptes vor allem zeremonieller Natur.

«Neuer sozialer Versöhnungsprozess»

Er wolle eine «neue Ära» beginnen und den «Streit der Vergangenheit» beilegen, sagte der islamisch-konservative Politiker am Sonntagabend. Der 60-Jährige kündigte einen «neuen sozialen Versöhnungsprozess» an. Alle Türken, ganz gleich welcher Herkunft und welchen Glaubens, sollten gleichberechtigte Bürger sein.

Die politische Entwicklung hat erhebliche Bedeutung für die türkische Wirtschaft. Es sei zwar noch früh, um eine Aussage über die Auswirkung der Präsidentschaftswahlen zu treffen, sagt Mehmet Yildirimli von der Exportförderorganisation «Switzerland Global Enterprise» (SGE). «Grundsätzlich wünschen sich Unternehmen Planungssicherheit für ihre Vorhaben.» Gerade diese stellen Experten derzeit aber in Frage.

Lange konnten sich Unternehmen und Investoren unter Erdogan und der AKP im Grossen und Ganzen auf Stabilität verlassen – trotz grösserer Proteste und zeitweiliger Unruhen, zeigt sich Yunus Ulusoy, Wirtschaftswissenschaftler vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen, überzeugt. Sollten die Investoren aber nervös werden – wie zum Beispiel durch die Gezi-Proteste im vergangenen Jahr – könne es für die Wirtschaft schnell brenzlig werden. Ulusoy sagte gegenüber «Spiegel Online»: «Gefährlich werden könnte der Türkei eine innenpolitische Krise, die Investoren verschreckt».

Wirtschaftliche Gefahren für die Türkei

Davor warnt auch die Ratingagentur Fitch. Sie sieht nach dem Gewinn der Präsidentschaftswahl durch Erdogan wirtschaftliche Gefahren für die Türkei. Das politische Umfeld bleibe im Fokus und könnte auch die Stimmung der Investoren eintrüben, erklärte Fitch am Montag.

Ökonom William Jackson von Capital Economics kritisiert Erdogans Plan, die bislang weitgehend auf Repräsentation beschränkten Befugnisse des Präsidentenamts auszuweiten. «Sollte dies passieren, könnte sein Wahlsieg zu einem aggressiveren und unvorhersehbareren politischen Umfeld führen.»

Erdogan steht für den Wirtschaftsboom in der Türkei, weil sich unter seiner Regie das Bruttoinlandprodukt (BIP) seit 2002 um 40 Prozent gesteigert hat. Die Weltbank warnte aber bereits Anfang 2013, dass die Türkei ihre Wachstumsreformen schneller umsetzen müsse. Zu dieser Zeit war die BIP-Zunahme auf 1,3 Prozent im Quartal gesunken. Im zweiten Quartal 2014 wuchs die Wirtschaft laut türkischem Statistikamt immerhin wieder um 4,3 Prozent. 

Forderungen an die Notenbank

Die türkische Regierung gibt einen Teil des Drucks weiter an die Notenbank. «Die Leitzinsen müssen sinken», forderte Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci am Montag in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters. Davon würden Konsum, Investitionen und damit auch das Wachstum profitieren.

Erdogan wirft der eigentlich unabhängigen Notenbank vor, mit ihrer Zinspolitik die Inflation in dem Land anzuheizen. Zuletzt hatte die Zentralbank den Leitzins um einen halben Punkt auf 8,25 Prozent gesenkt. Mit 9,3 Prozent liegt die Inflationsrate derzeit weit höher, als den Notenbankern lieb sein kann. Sie peilen eine Teuerung von fünf Prozent an.

Zeybekci verweist allerdings darauf, dass binnen Jahresfrist mit einem Abflauen der Inflation auf rund sieben Prozent zu rechnen sei. Die Regierung halte an dem Ziel fest, die Türkei bis 2023 unter die zehn grössten Wirtschaftsnationen der Welt zu führen. Das Wachstum soll ab 2015 auf mindestens fünf Prozent gesteigert werden, um den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes abzusichern.

Weiteres Wachstum erwartet

Die Exportförderer der SGE sind hinsichtlich des Wachstums optimistisch. «Der türkische Markt wird kontinuierlich und weiterhin moderat wachsen», so Yildirimli. Die Industrieländerorganisation OECD geht von jährlich 4,5 bis 5 Prozent aus im Zeitraum bis 2017. Yildirimli sieht darum auch gute Möglichkeiten für Schweizer Unternehmen – mehrere hundert Firmen, vor allem Pharma- und Elektronikhersteller, aber auch Uhren- und Schmucklieferanten, sind in der Türkei engagiert.

Tatsächlich spielt der Aussenhandel mit der Türkei eine kleine Rolle: Das Land am Bosporus steht auf Rang 24 der Schweizer Abnehmer. Waren im Wert von 1,9 Milliarden Franken exportierte die Schweiz 2013 in die Türkei, wie Zahlen der Nationalbank zeigen. Eine Initiative SGE will das seit 2013 verbessern –  sie eröffnete einen Stützpunkt in Istanbul, der Schweizer KMU beim Markteintritt in der Türkei helfen soll.

Gold-Exporte der Türkei in die Schweiz steigen

Allerdings bekämpft die Türkei neuerdings ein drängendes Problem mit Hilfe der Schweiz: ihr Aussenhandelsdefizit. Das zählt zu den strukturellen Schwachstellen des Landes. Das Minus stieg laut türkischem Statistikamt von 15 Milliarden Dollar 2002 auf 99,8 Milliarden Dollar 2013 an.

Im März 2014 ging das Minus aber um 30 Prozent zurück – auf knapp 5,2 Millionen US-Dollar, wie die «Deutschen Wirtschaftsnachrichten» berichteten. Der Grund: Gold-Exporte in die Schweiz im Wert von 1,3 Milliarden US-Dollar alleine im März. Auf das Quartal bezogen summiert sich der Wert des verkauften Edelmetalls auf über 2 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Im Vorjahresquartal lag die Gold-Ausfuhr bei gerade einmal 102'912 Dollar.

Die Türkei verfügt über erhebliche Goldreserven, rund 497,7 Tonnen. Laut Rangliste des Word Gold Council (WGC) lag sie damit im April auf Platz 13 weltweit – einen Rang hinter der Europäischen Zentralbank (EZB).

(mit Material von Reuters und sda)

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