Der französische Präsident François Hollande hat schnelle Lösungen für jene Euro-Länder gefordert, die Mühe haben, sich frisches Geld zu beschaffen. Das erklärte er vor Beginn des EU-Gipfels in Brüssel.

Diese Länder hätten schon viel Engagement gezeigt, um Sparmassnahmen und Reformen durchzusetzen, sagte Hollande. Der ebenfalls sozialdemokratische belgische Premier Elio Di Rupo forderte «schnelle Massnahmen», um diesen Ländern zu helfen. Anders sah das der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte. Italien und Spanien könnten die bereits vorhandenen Instrumente - wie den Euro-Rettungsschirm - nutzen. Zudem müssten sie ihre Reformen fortsetzen.

Wie die «Financial Times Deutschland» (FTD) berichtete, arbeiten Experten an einem Plan, mit dem die Märkte kurzfristig beruhigt werden sollen. Eine kleine Gruppe hochrangiger Beamter und Regierungsvertreter ist nach FTD-Informationen damit beschäftigt, kurzfristige Hilfen für angeschlagene Euro-Länder zu erarbeiten. Darüber soll nach Angaben aus EU-Kreisen beim Gipfel am Freitagmittag beraten werden. Es gehe vor allem darum, Spanien und Italien zu helfen, die seit Wochen wieder für neue Anleihen Zinsen zahlen müssen, welche ihre Bemühungen um stabilere Haushalte auf Dauer erschweren.

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Juncker verteidigt Bericht

Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker verteidigte die Vorschläge zur Vertiefung der Union bis hin zu einer gemeinsamen Schuldenpolitik. «Wir wurden beauftragt, über die Vertiefung der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion nachzudenken. Das haben wir getan.» Die EU-Spitzen rund um den ständigen EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy und Juncker hatten in einem Papier eine Bankenunion und eine haushaltspolitische Union vorgeschlagen - und somit langfristig auch eine gemeinsame Schuldenpolitik.

Derweil wird es für das krisengebeutelte Euro-Land Italien immer schwieriger, sich frisches Geld an den Finanzmärkten zu besorgen. Die drittgrösste Volkswirtschaft im Euroraum konnte am Donnerstag kurz vor dem EU-Gipfel zwar wie geplant Anleihen platzieren und neue Milliarden einsammeln. Die Regierung in Rom musste Investoren aber erneut hohe Zinsen bieten. Beunruhigende Nachrichten kamen auch vom grössten Unternehmerverband Italiens: Er sieht das Land noch stärker in die Rezession abrutschen als bisher befürchtet.

Italien unter Druck

Die Versteigerungen von zwei Staatsanleihen mit Laufzeiten bis 2017 und 2022 spülten insgesamt rund 5,4 Milliarden Euro in die Staatskasse, wie aus Angaben der italienischen Schuldenagentur hervorgeht. Das Volumen lag damit fast so hoch wie die zuvor maximal erwarteten 5,5 Milliarden Euro.

Allerdings wird das Zinsniveau immer kritischer: Um sich bis 2017 Geld zu beschaffen, werden für Italien 5,84 Prozent fällig. Bei der vorangegangenen vergleichbaren Auktion am 30. Mai waren es noch 5,66 Prozent. Zudem versteigerte Italien Anleihen mit einer Laufzeit bis 2022. Hier fiel der Hammer bei einem Zinssatz von 6,19 Prozent. Auch dabei lag die Rendite höher als bei der vorangegangenen Versteigerung am 30. Mai, als 6,03 Prozent fällig wurden.

In den nächsten Monaten wird es nach Einschätzung des Unternehmerverbands Confindustria noch schlimmer kommen als befürchtet: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Italiens werde voraussichtlich in diesem Jahr um 2,4 Prozent schrumpfen. Die Confindustria-Experten waren zuletzt von einem Minus von 1,6 Prozent beim BIP für 2012 ausgegangen. Die Prognosen für 2013 sind ebenfalls negativ: Hatte eine Verbandsstudie zuvor noch ein Wachstum von 0,6 Prozent prognostiziert, sagt Confindustria jetzt gar einen Rückgang um geschätzte 0,3 Prozent voraus. Die Regierung in Rom könne damit den für 2013 angestrebten ausgeglichenen Etat nicht erreichen.

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Von einer Rezession kann ausgegangen werden, wenn das BIP zwei Quartale in Folge sinkt. Im ersten Vierteljahr 2012 schrumpfte der wichtige Gradmesser in Italien laut Statistikbehörde Istat 0,8 Prozent zum Vorquartal. Es war bereits das dritte Quartal mit einer schrumpfenden Wirtschaftsleistung.

Zu den weiteren Aussichten sagte Confindustrias Chefökonom Luca Paolazzi: «Wir sind im Abgrund.» Italiens Rezession sei intensiver als zunächst angenommen. Erst in der zweiten Hälfte 2013 sei wieder mit Wachstum zu rechnen. Auch die Arbeitslosigkeit werde im laufenden Jahr mit 10,4 Prozent klar höher als bisher geschätzt (8,6 Prozent) liegen. Zudem gehe der Konsum der Haushalte stärker zurück. Von 2008 bis Ende 2013 gerechnet werde die italienische Wirtschaft nahezu eineinhalb Millionen Jobs verloren haben.

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(muv/vst/sda/awp)