Der deutsche Bundesbankchef Jens Weidmann zweifelt in der Schuldenkrise an der Theorie der hohen Brandmauer: Die Abschirmung der Eurozone sei sicherlich ein «sinnvoller Ansatz», sagte Weidmann laut Redetext in London. «Doch genau wie beim Turmbau zu Babel kann auch eine Schutzwand aus Geld niemals bis zum Himmel reichen.» Weidmanns Aussagen beziehen sich auf die anhaltende Diskussion der Euro-Retter um die Ausweitung der Rettungsschirme.

OECD-Generalsekretär Angel Gurria hatte zuvor im Interview mit der «Handelszeitung» gesagt: «Wir müssen die Mutter aller Brandmauern bauen. Je dicker und eindrucksvoller sie ist, desto weniger wahrscheinlich werden wir sie brauchen.» Ein angemessener finanzieller Stabilisierungsfonds müsse «mindestens 1000 Milliarden Euro schwer sein». Am Dienstag forderte die OECD dann in ihrem Bericht zur Lage in der Euro-Zone einen höheren Schutzwall.

Deutsche Blockadehaltung wird aufgeweicht

Deutschland hat die Forderungen seiner Euro-Partner nach einem höheren Engagement bislang ausgebremst, steht jedoch zunehmend auf verlorenem Posten. Die Blockadehaltung wurde deshalb zuletzt aufgeweicht. Kanzlerin Angela Merkel spricht sich inzwischen dafür aus, den im Juli startenden dauerhaften Rettungsschirm ESM und seinen Vorgänger EFSF für eine gewisse Zeit parallel laufen. Durch die Kombi-Lösung würden vorübergehend 700 Milliarden Euro zusammenkommen. Das wäre immer noch zu wenig, meinen neben der OECD auch EU-Kommission und Internationaler Währungsfonds. 

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Zum Wochenende kommen die Finanzminister zusammen, um sich auf eine Erhöhung der Brandmauern zu verständigen. EU-Währungskommissar Olli Rehn äusserte sich zuletzt zuversichtlich, dass am Freitag eine Lösung gefunden wird.

Weidmann äusserte sich in seiner Londoner Rede auch zum Problem der auseinanderdriftenden Leistungsbilanzen der Euro-Länder. Die Frage, ob der Ball eher in der Spielhälfte der Defizit- oder der Überschussländer liege, beantwortete der Top-Bundesbanker metaphorisch: «Man stelle sich vor, dass der FC Barcelona in der Champions League auf Lionel Messi verzichten müsste, um die Wettbewerbsfähigkeit der Konkurrenten wie zum Beispiel FC Bayern München wieder herzustellen», sagte Weidmann vor dem Hintergrund der internationalen Kritik an den hohen deutschen Handelsüberschüssen.

(tno/aho/awp)