Die Jugendlichen fackelten nicht lange. In der Athener Szenebar Cue hatten sie ein Dutzend Abgeordnete der sozialistischen Pasok ausfindig gemacht. «Was habt ihr den Leuten angetan?», skandierten sie. Dann prasselten Eier und Joghurt auf die Abgeordneten nieder. In Griechenland leben inzwischen Parlamentarier jeder Couleur gefährlich. Vor kurzem musste sich auch die unabhängige Politikerin Dora Bakoyannis vor pöbelnden Jugendlichen in Heraklion in Sicherheit bringen. Sie hatte lange der konservativen Nea Demokratia angehört.

Die Verrohung der Sitten passt zum Zustand des Landes. In diesen Tagen beugen sich die Inspektoren von der EU, der Europäischen Zen­tralbank (EZB) und dem ­Internationalen Währungsfonds (IWF) einmal mehr über die Bücher des griechischen Staates. Die Troika wird dabei wenig Erfreuliches finden. Die Wachstums- und Defizitprognosen erweisen sich regelmässig als zu optimistisch. Die Wirtschaft schrumpfte 2011 um etwa 6 Prozent, zum fünften Mal in Folge. Die Leistungsbilanz ist chronisch defizitär (siehe Grafik). Die Arbeitslosigkeit ist auf über 18 Prozent gestiegen.

Stellenabbau im Staatsdienst

Die Einkommen sind stark gesunken. Bereits 2010 mussten 68000 Firmeninhaber aufgeben, letztes Jahr ging das Sterben weiter. Schätzungsweise 65 Milliarden Euro haben die Griechen seit Anfang 2010 von ihren Bankkonti abgehoben und in Sicherheit gebracht, zum Teil im Ausland.

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Die Krise ist längst mit blossem Auge zu erkennen. In der einst blühenden Einkaufsstrasse Ag.Nicolaou am Hafen von Patras machte ein Viertel der gut 100 Läden dicht. Selbst den noblen Athener Vorort Kifissia hat die Krise erreicht. Wo sich bis vor kurzem die Reichen und Schönen um eine Wohnung rissen, stehen nun viele Häuser leer. Bauruinen zeugen von der nachlassenden Nachfrage im Edelquartier.

Die Ziele des mit der Troika ausgehandelten Sanierungsprogramms hat das Land deutlich verfehlt. Statt wie angekündigt 30000 Stellen im aufgeblähten Staatsdienst wurden lediglich rund 1000 abgebaut. Von den prognostizierten Verkäufen von Staatsbetrieben im Umfang von 5 Milliarden Euro wurden 2011 weniger als 2 Milliarden realisiert. Vorwärts geht es nur in ganz kleinen Schritten.

Überbordende Bürokratie

Im Leben sind nur der Tod und die Steuern sicher, heisst es. Die griechische Version geht anders: Sicher sind nur Tod und «Fakelaki», das Schmiergeld. Der Staat scheint nicht fähig oder willens, die Steuern einzutreiben. In keinem anderen OECD-Land sind die Produktemärkte derart überreguliert wie in Griechenland, die Produktivität liegt weit unter dem Euro-Land-Durchschnitt. In der staatlichen Verwaltung bestehen mehr als 20 Prozent der Abteilungen aus einem einzigen Mitarbeiter, dem Abteilungsleiter, wie eine Untersuchung der OECD belegt. In 14 Prozent der Abteilungen hat der Chef genau einen, in weiteren 11 Prozent immerhin zwei Mitarbeiter. Die überbordende Bürokratie lässt sich kaum eindämmen, Politiker und Beamte verteidigen ihre Pfründe.

Die Verhandlungen um den «freiwilligen» Schuldenschnitt von 50 Prozent sind stecken geblieben. Damit sollten die griechischen Schulden um 130 Milliarden Euro auf 120 Prozent des Bruttoinlandprodukts gedrückt werden. Doch die griechische Regierung und der Internationale Bankenverband (IIF), der die privaten Gläubiger vertritt, konnten sich bis jetzt nicht auf die Bedingungen einigen. Nun wird die Zeit knapp. Am 20. März muss Griechenland Schulden in Höhe von 14,5 Milliarden Euro ablösen. Gibt es keine Einigung, droht ein ungeordneter Staatsbankrott. Das könnte weitere Euro-Länder in den Strudel reissen, allen voran Portugal, vielleicht auch Italien und Spanien.

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Für die Finanzmärkte ist der Staatsbankrott längst Tatsache. Die Rendite einer einjährigen griechischen Staatsanleihe explodierte seit letztem September von 50 auf über 400 Prozent. Angesichts der wachsenden Schuldenlast und der fehlenden Wachstumsperspektiven sind die bisherigen Lösungsansätze längst Makulatur. Ein 50-prozentiger Schuldenschnitt der privaten Gläubiger reicht bei Weitem nicht mehr aus.

Ausrtritt kein Thema mehr

Auch in der Troika scheint die Zuversicht über die Sanierbarkeit Griechenlands zu schwinden. Vor allem beim IWF mehren sich Stimmen, die das Experiment als gescheitert betrachten. In Frankreich dürfte der Enthusiasmus für die Griechenland-Rettung nach der Herabstufung der Bonität durch die Ratingagentur Standard & Poor’s weiter nachlassen. In Deutschland fordern einflussreiche CDU-Parlamentarier wie Michael Fuchs und Michael Meister, Parteifreunde von Angela Merkel, schon offen den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone. Ein Staatsbankrott Griechenlands sei für den Rest der Euro-Zone durchaus zu bewältigen.

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Anastassios Frangulidis, Chefökonom der ZKB, hält dies jedoch für Säbelrasseln: «Damit soll der Druck auf Griechenland erhöht werden, mit strukturellen Reformen vorwärtszumachen.» Denn bereits spekulierten Politiker darauf, die Euro-Gruppe werde aus Angst vor den Folgewirkungen einer Griechenland-Pleite auf jeden Fall zahlen.

«Der Austritt aus der Euro-Zone wäre wirtschaftlicher Selbstmord», warnt Janwillem Acket, Chefökonom von Julius Bär. Der Präsident der griechischen Zentralbank warnte kürzlich, das Land würde dadurch um Jahrzehnte zurückgeworfen. Die griechische Bevölkerung spricht sich in Umfragen denn auch klar für den Verbleib in der Euro-Zone aus. Doch die Wiedereinführung der Drachme wird heute öffentlich diskutiert. Bis vor wenigen Monaten war das noch ein Tabu.

Der Austritt wird hinausgezögert

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Viele Bürger glauben, dass die Drachme wieder kommt. Ein Athener Geschäftsmann hält die politischen Massnahmen für «Ablenkungsmanöver, um die Einf­ührung vorzubereiten». Er hat sein Geld in Dollar investiert und empfiehlt das auch allen anderen Griechen, weil sie bei der Umstellung auf die neue Drachme sonst zu viel verlieren. Andere lassen es auf sich zukommen. «Schau, wir werden einfach ärmer werden», sagt eine Ärztin, der bereits mehrmals der Lohn gekürzt wurde.

«Ich denke nicht, dass die Frage eines Austritts aus der Euro-Zone im Jahr 2012 beantwortet werden muss», sagt Anastassios Frangulidis. Nach den Wahlen im April werde die neue Regierung die Auflagen der Troika zu erfüllen versuchen, «damit das Geld weiter fliesst», glaubt der gebürtige Grieche: «Erst wenn die Kosten in Form von hoher Arbeitslosigkeit und so­zialen Unruhen zu hoch werden, stellt sich die Frage nach dem Austritt.»

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Noch sei die Ansteckungsgefahr im Falle einer griechischen Pleite für Portugal, Italien oder Spanien zu gross. Die Staaten und Banken der Euro-Zone müssen im laufenden Jahr Schulden im Umfang von schwindelerregenden 1900 Milliarden Euro ablösen – eine Zahl mit 11 Nullen. Das sind 5,2 Milliarden Euro pro Tag. Die kürzlich erfolgte Rating-Herabstufung von 9 Euro-Ländern und des Rettungsschirmes ESFS durch Standard & Poor’s macht die Geldaufnahme noch schwieriger.

Kredite in Höhe von 500 Milliarden Euro

Dabei hatte das Jahr gut begonnen. Italien und Spanien konnten sich bei ihren Anleihen-Auktionen zu deutlich tieferen Zinsen als im letzten Jahr refinanzieren. Zu verdanken hatten sie das der Kursänderung der Europäischen Zentralbank unter ihrem neuen Präsidenten Mario Draghi. Die EZB teilte 523 Euro-Banken erstmals langfristige Kredite im Umfang von 500 Milliarden Euro zu. Sie laufen über drei Jahre zu einem festen Zins von 1 Prozent. Am 29. Februar ist bereits die nächste Zuteilung fällig.

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Die EZB übernimmt damit die lange geforderte Rolle des «lender of last resort», der die Banken vor Liquiditätsengpässen schützt. Einen Fall Lehman Brothers sollte es somit in Europa vorläufig nicht mehr geben können.

Die Euro-Zone ist damit aber nicht aus dem Schneider. Auch das ausgeklügeltste Finanzengineering kann wirtschaftliche Reformen nicht ersetzen. Die Schuldenlast im Süden der Euro-Zone bleibt untragbar hoch, die Wettbewerbsfähigkeit ungenügend, das Wachstum schwach. Die Grundfehler der Währungsunion bleiben bestehen. Weil die wettbewerbsschwachen Länder im Euro gefangen bleiben und ihre Währung nicht abwerten können, bleibt ihnen nur die Anpassung über die interne Abwertung: Jahrelange Lohn- und Preissenkungen. Das provoziert enorme politische Spannungen.

Film: 1600 Euro pro Tag

Die anstehenden Wahlen werden diese weiter verschärfen. Im April wählen die Griechen ein neues Parlament. Klare Mehrheiten sind nicht zu erwarten, was langwierige Machtkämpfe nach sich ziehen dürfte. Die Gegner der Sparmassnahmen könnten erstarken und Nachverhandlungen mit der Troika fordern.

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In Frankreich ist die Wiederwahl von Präsident Nicolas Sarkozy gemäss Meinungsumfragen stark gefährdet. François Hollande als Kandidat der Sozialisten plädiert für Eurobonds und könnte das bisherige französisch-deutsche Bündnis platzen lassen. Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National lehnt sowohl den Euro wie die Rettungsschirme ab.

Derweil fallen die überforderten Griechen immer öfter mit Verzweiflungstaten auf. Nun sollen Kleinstbeträge helfen, das Milliardenloch zu stopfen. So hat die Regierung in ihrer finanziellen Not die archäologischen Stätten des Landes für Werbezwecke freigegeben. Ein Drehtag auf der Akropolis kostet 1600 Euro.