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Erholung
Europas Wirtschaft steht vor dem Comeback

Touristinnen in Athen: Griechenland erwartet einen Tourismus-Boom im Sommer. Keystone

Die Chance ist gross wie nie, dass die Euro-Zone ihre Krise hinter sich lassen kann. Vom neuen Optimismus profitiert auch die Schweiz.

Von Mathias Ohanian
am 22.05.2017

Nach dem Rekord ist vor dem Rekord: Schon 2016 erlebten die Griechen einen nie dagewesenen Touristenansturm auf ihre Inseln und Tempel. Dieses Jahr sollen mit 30 Millionen Gästen nochmal fast 10 Prozent mehr Touristen kommen. Der Boom könnte Einnahmen von bis zu 20 Milliarden Euro bescheren und Hunderttausende Jobs schaffen. Tatsächlich stehen die Chancen so gut wie lange nicht, dass der grösste Sorgenstaat der Euro-Zone die Krise hinter sich lassen könnte - sieben Jahre nach Beschluss des ersten Hilfsprogramms der damaligen Troika um Europäische Zentralbank, Währungsfonds und EU.

Auch im Rest Europas wächst die Zuversicht. Die Wahl des Euro-Befürworters Emmanuel Macron in Frankreich sorgt für Aufatmen in den Hauptstädten Europas. Die europäische Wirtschaft und das oft totgesagte Projekt der Einheitswährung stehen vor einem Comeback. «Die Erholung ist zum ersten Mal seit langer Zeit breit abgestützt und erreicht immer mehr Länder und Branchen», sagt Thomas Stucki, Investmentchef der St. Galler Kantonalbank.

Plötzlich herrscht Aufbruchstimmung

«Der Aufschwung ist intakt», sagt auch Clemens Fuest, Präsident des renommierten Münchner Ifo Instituts. Er sieht kaum Risiken, selbst die im Herbst in Deutschland anstehende Bundestagswahl werde keine böse Überraschung bringen, so Fuest. Vielmehr hätten Deutschland und Frankreich nun die grosse Chance, die Gemeinschaftswährung mit neuen Reformen wetterfest zu machen.

Zwar werden die kommenden Monate kein Selbstläufer für Europa. Die strukturellen Unterschiede sind noch immer gross zwischen den industriestarken Nordländern des Kontinents und dem Süden, wo in der Vergangenheit vor allem der private Konsum die Wirtschaft stützte. Noch immer sind in Ländern wie Frankreich, Spanien und Griechenland die Schulden hoch. Das gilt auch für Italien, wo ausserdem auch die Bankbilanzen in zweifelhafter Verfassung sind.

Auch wenn politische und wirtschaftliche Unsicherheiten bleiben: Das Momentum ist derzeit auf der Seite von Europa. Die Wirtschaft ist stark ins Jahr gestartet. Die EU-Frühindikatoren stiegen jüngst sprunghaft. Das Wachstum ist nun so stark wie zuletzt vor sechs Jahren, zeigt die Umfrage unter Einkäufern. Das lässt die Firmengewinne sprudeln.

Griechenlands Börse hat Boden gut gemacht

Selbst die Arbeitslosigkeit in der Euro-Zone ist seit ihrem Rekordhoch von über 12 Prozent 2013 deutlich auf 9,5 Prozent gesunken. Noch spüren das die Arbeitnehmer nicht im Portemonnaie, doch sogar das könnte sich ändern. Dank dem hohen Wachstum erwartet Sarasin-Chefökonom Karsten Junius eine weiter sinkende Arbeitslosigkeit und stärker steigende Löhne. Höhere Saläre wiederum bilden den Boden für eine weitere Expansion im nächsten Jahr.

Auch die Finanzinvestoren setzen immer stärken auf Europa: Die grossen Börsen eilen von einem Hoch zum nächsten. Selbst Griechenlands Leitindex ist im Aufwind: Seit dem Jahrestief im Februar und der kürzlich erzielten Einigung mit den Geldgebern hat der Athex bisher rund 30 Prozent an Boden gutgemacht. Aktuell stocken die Gespräche mit Brüssel zwar einmal mehr, doch beide Parteien sprechen von einer baldigen Übereinkunft.

Geschäftslage wie vor Frankenschock

Für die Schweiz sind all das erfreuliche Nachrichten. Die Wirtschaft wird von der Erholung in Europa mitgezogen. Auch die hiesige Konjunktur hat sich im ersten Halbjahr deutlich erholt, sagt Klaus Abberger, verantwortlich für die Wirtschaftsumfragen bei der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Mittlerweile schätzen die 4500 jeden Monat befragten Firmen die Geschäftslage sogar wieder ähnlich gut ein wie vor dem Frankenschock Anfang 2015 (siehe Grafik).

Erholt sich Europa weiter, gibt das der Schweizer Konjunktur zusätzliche Kraft: «Die Chancen stehen gut, dass die Erholung in der Schweiz in einen Aufschwung übergeht.» Zumal der Franken zuletzt deutlich schwächer geworden ist und fast bei 1,10 Euro steht. So rechnet Investmentexperte Stucki damit, dass die Nationalbank in naher Zukunft kaum wird eingreifen müssen.

Der Boden für einen Aufschwung ist bereitet – für den auch die Schweizer Verantwortung tragen. Gemäss Reisekonzern Hotelplan ist Griechenland in diesem Jahr hierzulande beliebt wie nie: Die Buchungen liegen schon jetzt im zweistelligen Bereich über Vorjahresniveau.

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