Gleich ein ganzes Paket an historischen Massnahmen hat der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, bekannt gegeben: Erstmals in der Geschichte des Euro rutscht die Depositenrate in den negativen Bereich. Der Hauptrefinanzierungssatz sinkt auf das Rekordtief von 0,15 Prozent. Hinzu kommen gross angelegte Kreditlinien für Banken, damit diese die Realwirtschaft mit Geld versorgen.

Dies soll die Wirtschaft ankurbeln und den Abwärtstrend der Jahresinflationsraten aufhalten. Denn ein grosses Problem der Euro-Zone ist die Angst vor fallenden Preisen – vor allem in den noch immer angeschlagenen Ländern der Euro-Peripherie. Daraus könnte eine gefährliche Spirale für Wirtschaft und Jobmärkte entstehen.

Sind die Massnahmen der erhoffte Game Changer?

Doch werden die Euro-Währungshüter mit ihren Massnahmen Erfolg haben? Das Volumen der unter dem Kürzel TLTRO firmierenden Geldspritze ist mit 400 Millliarden Euro «vergleichsweise hoch angesetzt», wie Daniel Hartmann findet. Und dennoch glaubt der Ökonom des Anleiheinvestors Bantleon aus Zug nicht daran, dass Draghi mit seinen Massnahmen der ganz grosse Wurf gelungen ist:  «Ob die Massnahmen der sogenannte ‚Game Changer’ sind, ist fragwürdig», sagt er.

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Denn die Massnahmen seien sehr komplex. Zudem greifen sie erst ab September. «Daneben stellt sich grundsätzlich die Frage, ob eine Bank nur wegen günstiger Refinanzierungskonditionen Kredite vergibt», so Hartmann. Er glaubt sogar, dass die EZB ihre Inflationsprognose im Herbst ein weiteres Mal senken muss. «Der Notenbank bliebe dann nichts anderes übrig, als ihren letzten Pfeil aus dem Köcher zu holen und ein breites Anleihenkaufprogramm zu lancieren.»

Kein Kick-Start für die Euro-Inflation

Auch andere Fachleute wie Carsten Brzeski, Chefökonom von ING Diba, glauben nicht, dass die gestrige Ankündigung der Euro-Zone einen ähnlichen Schub verleihen wie Draghis berüchtigtes «whatever it takes» im Sommer 2012. Seinerzeit versprach er in einer Rede in London, den Euro um jeden Preis verteidigen zu wollen. Die Investoren an den Finanzmärkten glaubten diese Ankündigung, die hohen Angstaufschläge an den Märkten für Staatsanleihen sanken rapide.

Doch die Voraussetzungen sind diesmal anders. Draghi will die Realwirtschaft beleben – und gleichzeitig für mehr Inflation sorgen. Doch hier stösst der oberste Eurowächter an seine Grenzen. Vor allem in den Kernländern wie Frankreich und Deutschland dürften die Massnahmen kaum die Konsumentenpreise steigern, erwarten die Fachleute des Brüsseler Thinktanks Bruegel. Auch für die Teuerung im Rest der Euro-Zone brächten die Instrumente keinen «Kick Start».

Bei Bruegel betont man ebenfalls, dass weitere Massnahmen seitens der EZB möglich sind – nicht zuletzt weil der Euro kurz nach Draghis Auftritt bereits wieder leicht an Wert gegenüber dem Dollar zulegte. Dafür spricht zudem, dass der Italiener sich explizit bereit erklärte, im Ernstfall weitere Schritte folgen zu lassen.

EZB-Paket dürfte SNB kalt lassen

Bei der Schweizerischen Nationalbank wird man die Wechselkursentwicklung am gestrigen Donnerstag indessen mit ein Stück weit Erleichterung aufgenommen haben. Der Schweizer Franken veränderte sich bei Ankündigung des Massnahmenpakets gegenüber dem Euro kaum. Eine Annäherung an die Wechselkursuntergrenze zum Franken ist vorerst nicht zu erwarten, glaubt Anastassios Frangulidis, Chefökonom der Zürcher Kantonalbank.

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Entsprechend rechnet er nicht damit, dass auch die SNB negative Depositenraten anstreben wird. Dafür hatte noch kürzlich der Internationale Währungsfonds plädiert. Auch laut den Experten der Credit Suisse benötigt die Schweiz keine zusätzlichen geldpolitischen Anreize – im Gegensatz zur Euro-Zone.