Die EZB hat den Leitzins fast auf Null gesenkt, den Strafzins für Bankeinlagen erhöht und ein Kaufprogramm für Kreditverbriefungen und Bankanleihen angekündigt – eine Art kleine Quantitative Lockerung. Wie schätzen Sie dieses Vorgehen der Zentralbank ein?
Jörn Spillmann*: Die Lage hat sich für EZB-Chef Mario Draghi im Vergleich zur letzten Pressekonferenz deutlich verschärft – sowohl was die Wachstumsaussichten für die Eurozone als auch die Inflationsaussichten angeht. Insofern war die EZB zum Handeln gezwungen. Überraschend ist die erneute Zinsensenkung. Die EZB versucht jetzt schnell zu handeln, um die Deflationsgefahr möglichst schnell wieder vom Tisch zu bekommen. Insofern war der EZB-Entscheid richtig.

Experten sehen in einer erneuten Leitzinssenkung keine grosse Wirkung. Warum greift die EZB dennoch zu dieser Massnahme?
Es geht dabei um eine symbolische Wirkung. Die EZB hat erkannt, dass die Eurozone momentan ein grosses Problem hat. Die Währungshüter senden nun das Signal, dass sie bereit sind, alles zu tun, um den Preistrend in der Eurozone wieder umzukehren und Wachstumsimpulse zu setzen. Wichtig ist also die Symbolkraft und weniger die realwirtschaftliche Auswirkung.

Muss man denn nun angesichts dieses Massnahme-Pakets davon ausgehen, dass es um die Eurozone schlimmer steht als gedacht?
Die Lage ist vielleicht nicht schlimmer. Doch es sieht tatsächlich nicht gut aus. Die EZB selber hat ja mit einer deutlicheren Wachstumsbeschleunigung in diesem Jahr gerechnet. Im ersten und zweiten Quartal wurde die Zentralbank bereits enttäuscht. Die Erholung in der Eurozone ist demnach sehr schwach. Die EZB will jetzt nicht das Risiko eingehen, dass die Eurozone in eine erneute Rezession zurückfällt. Das würde nämliche weitere geldpolitische Massnahmen erschweren. Die Zinsen sind schon quasi bei Null und das angekündigte Kaufprogramm muss erst noch wirken. Sollte die Eurozone trotzdem in eine Rezession abgleiten, dann gäbe es nur den Kauf von Staatsanleihen im grossen Stil, um die Wirtschaft wieder nach vorne zu bringen. Für die EZB ist es eine Art Gratwanderung, da wachstumsmässig nicht viel Puffer da ist.

Wie wird sich der heutige Entscheid auf die Börsen auswirken?
Der Entscheid sollte für die Aktienmärkte positiv sein. Die EZB hat klar gemacht, dass sie bereit ist, den Markt mit Liquidität zu fluten. Im Prinzip ist es eine Staffelübergabe zwischen der US-Zentralbank Fed und der EZB: Die Fed hört mit der Quantitativen Lockerung auf, dafür gibt nun die EZB Vollgas. Die globalen Märkte werden weiterhin mit Liquidität geflutet.

Der Euro geriet kurz nach dem Entscheid unter Druck. Was bedeutet das für die SNB und den Euro-Mindestkurs?
Die SNB wird den Kurs genau beobachten. Sie wird aber auf alle Fälle verhindern, dass der Kurs unter die Marke von 1.20 Franken fällt und bei Bedarf intervenieren.

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Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass nun der Mindestkurs getestet wird?
Die Wahrscheinlichkeit dafür ist in den nächsten Wochen nicht sehr hoch, da das heute angekündigte Kaufprogramm noch nicht angelaufen ist. Zudem weiss man noch nicht, wie die Banken das Programm aufnehmen werden. Die EZB ist immer noch darauf angewiesen, dass die Geschäftsbanken bei diesem Programm auch mitmachen. Sollten die Banken tatsächlich wieder mehr Kredite in die Privatwirtschaft vergeben, dann hat die EZB dadurch auch mehr Möglichkeiten, die Geldbasis weiter auszuweiten. In diesem Fall dürfte der Wechselkurs in Richtung Mindestkurs gehen. Die Wahrscheinlichkeit steigt also mit der Güte des Kaufprogramms. Doch das ist schwierig abzuschätzen.

Will man mit dem Kaufprogramm die Wirtschaft ankurbeln oder insgeheim die Kapitalbasis der schwächelnden Banken stärken?
Im Prinzip ist es beides. In erster Linie soll die Privatwirtschaft mit mehr Krediten versorgt werden. Auf der anderen Seite ist die Kreditversorgung relativ schwach, weil die Banken immer noch grosse Bilanzprobleme haben. Mit dem Kaufprogramm versucht die EZB beide Problemfelder wieder in den Griff zu bekommen. Von daher ist das eine ganz intelligente Sache.

*Jörn Spillmann ist Leiter Marktanalyse International bei der Zürcher Kantonalbank.