Handelszeitung Online: Wie bewerten Sie die Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB)?
Tilmann Galler: 
Es ist ein richtiger Schritt, denn er ist der aktuellen ökonomischen Situation angemessen. Der Preisauftrieb weltweit lässt nach - und nach Inflationssorgen im vergangenen Jahr wachsen nun aufgrund der Schwäche der Wirtschaft wieder die Deflationssorgen.

 

Wer profitiert am meisten vom Schritt der EZB?
Für die Realwirtschaft werden die Auswirkungen nicht ausserordentlich gross sein. Aber wir haben in Europa und insbesondere in der Eurozone ein angeschlagenes Bankensystem. Da hilft jeder Basispunkt, der auf der Finanzierungsseite niedriger ist, das Problem zu lösen. Von daher ist es insbesondere die Finanzbranche, die profitieren sollte.

 

Und - wird sie tatsächlich profitieren? Der IWF hatte der EZB ja vielmehr eine Ausweitung der Anleihenkäufe vorgeschlagen.
Es gibt immer viele Vorschläge, aber ich denke, das war ein Schritt in die richtige Richtung. Man muss schauen, dass den Banken genügend Luft gelassen wird, um ihrem traditionellen Geschäft nachzugehen und Kredite an die Realwirtschaft zu vergeben. Der Preis des Geldes ist dafür ein wichtiger Faktor, aber auch Punkte wie Eigenkapitalanforderungen und Basel III sind zu bedenken.

 

In der Schweiz ist die Sorge gross, dass der Euro-Franken-Kurs nun noch stärker unter Druck gerät. Ist der Mindestkurs noch zu halten?
Die Schweizerische Nationalbank hat unendlich viele Mittel, die 1.20 zu verteidigen - sie kann unbegrenzt Euros kaufen. Die Frage ist aber: Will sie das? Denn mittelfristig rückt die Preisstabilität in den Fokus - und wie inflationär diese Politik für die Schweizer Wirtschaft ist. Aktuell sehe ich durch diesen Zinsschritt aber keinen Grund für die SNB, den eingeschlagenen Kurs zu ändern.

Sie raten der SNB also dazu, den Kurs weiter zu verteidigen.
Es ist eine schwierige Abwägungsfrage. Auf der einen Seite steht die Schweizer Exportwirtschaft. Die leidet sehr unter dem «Save Haven»-Status der Schweiz und dieser enormen Aufwertungstendenz, die über die Kaufkraftparität des Franken hinübergeht. Auf der anderen Seite hat man das Problem von Preisauftriebstendenzen. Die Schweiz erleidet auf jeden Fall einen Kollateralschaden durch die Eurozonenkrise.

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