Zur Stützung der europäischen Wirtschaft hat der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf das Rekordtief von 1,0 Prozent verringert. Die niedrigeren Zinsen verbilligen Kredite - das soll die Investitionsneigung von Unternehmen und die Konsumfreude der Verbraucher steigern und so die Konjunktur ankurbeln.

Einige Volkswirte hatten sogar gefordert, dass die Notenbank die Zinsschraube noch beherzter lockert. Bereits im November war der wichtigste Zins zur Versorgung der Kreditwirtschaft mit Zentralbankgeld im Euroraum um 0,25 Punkte zurückgenommen worden. Damit hat neue EZB-Präsident Mario Draghi die Zügel schon zum zweiten Mal in Folge gelockert.

EZB-Präsident Mario Draghi begründete die Zinssenkung mit «substantiellen neuen Abwärtsrisiken» für die Wirtschaft der Eurozone. Er kündigte weitere Notfallhilfen für das angeschlagene Bankensystem an und gab bekannt, dass die EZB den Banken Kredite mit einer Laufzeit von bis zu 36 Monaten anbieten werde. Ausserdem will die Notenbank die Liste der Sicherheiten, die sie akzeptiert, stark ausweiten. Diese Schritte sollen laut Draghi das Bankensystem der Eurozone langfristig stabilisieren.

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Mit Blick auf die umstrittenen Anleihekäufe der Notenbank widersprach Draghi dem Eindruck, er habe sich für eine Ausweitung eingesetzt. Er sei in der vergangenen Woche «falsch interpretiert» worden. Draghi sagte nach der Zinssitzung vor Journalisten in Frankfurt, das Anleihekaufprogramm der Notenbank werde weder «ewig» weiterlaufen noch sei es in seinem Volumen «unbegrenzt».

Rezession nicht mehr ausgeschlossen

Die Eurozone steuert nach Einschätzung der EZB auf eine Stagnation im kommenden Jahr zu. Die Konjunkturaussichten hätten sich infolge der Unsicherheiten durch die Staatsschuldenkrise deutlich eingetrübt, sagte Draghi.

Selbst eine Rezession schliesst die Notenbank nicht länger aus. Sie rechnet für das kommende Jahr mittlerweile nur noch mit einem Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 0,3 Prozent. Die Spanne liegt zwischen minus 0,4 Prozent und plus 1,0 Prozent. Im September war die EZB noch von einem Plus von 1,3 Prozent ausgegangen.

Für das laufende Jahr rechnet die Notenbank mit einem Wachstum der Wirtschaftsleistung von 1,6 Prozent. Nach dem schwachen kommenden Jahr dürfte die Konjunktur gemäss den Prognosen 2013 wieder anspringen und um 1,3 Prozent wachsen.

Britische Notenbank lässt Zinsen unverändert

Die Inflation wird nach Draghis Prognose in den kommenden Monaten über dem EZB-Zielwert von knapp unter 2,0 Prozent verharren. «Die Inflationsrate wird wahrscheinlich noch mehrere Monate über 2 Prozent liegen», sagte er. Im laufenden Jahr erwartet die Notenbank eine Jahresteuerung von 2,7 Prozent.

Im kommenden Jahr dürfte der Preisdruck auch wegen der schwachen Konjunktur nachlassen. Die EZB erwartet eine Inflationsrate von 2,0 Prozent

Im Gegensatz zur EZB hält die britische Zentralbank an der Zinsfront weiter still und lässt die Notenpresse nicht noch schneller rotieren: Der Schlüsselzins bleibe bei 0,5 Prozent, entschied die Bank of England.

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(rcv/tno/laf/awp/sda)