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Final um die Weltwirtschaft: Letzte Chance für den Euro

Es gibt zu wenig Risikoausgleich und zu viel Stagnation in der Eurozone.Keystone

Europa steht unter Spannung. Ohne Kurswechsel bricht die Euro-Zone früher oder später auseinander. Dritter Beitrag einer fünfteiligen Serie.

Von Simon Schmid
am 29.09.2016

Um den Euro steht es nicht gut. Fünf Jahre nach Ausbruch der Krise verharren viele Mitgliedsländer in der Stagnation. Die Politik hat kaum Fortschritte gemacht. Unmut prägt die Debatten über die EU und ihre Währung. Zwar wurde der Brand am Finanzmarkt gelöscht. Doch die Zweifel am Konstrukt des Euro verstummen nicht.

Die Euro-Zone droht auseinanderzubrechen, sagt der Ökonom Michael Pettis, dessen Wurzeln in Spanien liegen und der das Schauspiel heute aus der Ferne verfolgt - 8000 Kilometer weit entfernt in Peking. Viele Menschen sind arbeitslos. Die Verschuldung steigt. Und Deutschland erzielt weiter Überschüsse auf Kosten anderer Länder. Wenn sich daran nichts ändere, seien die Tage des Euro gezählt.

Ein solches Urteil scheint hart, gerade aus Sicht der Regierungen in den sogenannten Kernländern, die die Euro-Krise für gelöst halten. Doch das Fazit ist nachvollziehbar. Die Euro-Zone ist zu einem zweigeteilten Währungsraum geworden. In Deutschland ist die Arbeitslosigkeit, die einst über 11 Prozent gelegen hatte, inzwischen unter 4 Prozent gesunken. Dagegen sind heute 12 Prozent der Italiener und sogar 20 Prozent der Spanier ohne Job (siehe Grafik). Hüben brummt die Wirtschaft - drüben wächst ausser den Schulden nicht viel.

Auch die Währungsunion als Ganzes erfüllt die Erwartungen nicht. Mit gut 1,6 Prozent Wachstum scheint der Zenit im Konjunkturzyklus bereits erreicht. Europa wächst damit fast um 1 Prozentpunkt langsamer als die USA. Dabei hätten der rekordtiefe Ölpreis und die herausragende Tourismussaison in Ländern wie Spanien eigentlich für eine optimale Ausgangslage gesorgt. Dass es trotzdem nicht für mehr reichte, ist laut Pettis bezeichnend für den Zustand der Währungsunion. Besser als jetzt wird es in Europa nicht mehr.

Der 50-prozentige Unterschied

Wo liegen die tieferen Gründe für die Wirtschaftsmisere, die sich in Staaten wie Griechenland längst zur Sozialkatastrophe ausgeweitet hat? Ein erster Kardinalfehler des Euro datiert aus der Gründungszeit. Er lag darin, eine Reihe von Ländern unter einem Dach zu vereinen, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Traditionen nicht zusammengehörten - Länder ohne einheitliche Stabilitätskultur, wie es Henning Vöpel, Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts formuliert. Nach der Einführung des Euro musste etwa Italien, ein Staat, der seine Wirtschaft jahrzehntelang mit Lira-Abwertungen konkurrenzfähig gehalten hatte, mit einer deutsch geprägten Währungspolitik auskommen. Die Anpassung misslang, Italien lief ins Abseits.

Der zweite Euro-Designfehler war der fehlende Risikoausgleich. Anders als die USA ist die Euro-Zone kein optimaler Währungsraum. Es mangelt an Integration, Flexibilität und Mobilität, um regionale Booms und Flauten abzufedern. Europa bräuchte Ausgleichsmechanismen, sagt Henning Vöpel, etwa in Form einer gemeinsamen Arbeitslosenversicherung. Der Mangel an Risikopuffern führt dazu, dass sich kurzfristige Schocks zu langfristigen Strukturkrisen ausweiten.

Das dritte Problem der Euro-Zone reicht in die Gegenwart. Es ist die Unfähigkeit, aus Fehlern zu lernen. Der vielleicht grösste Irrglaube der Euro-Staaten manifestiert sich in den Maastricht-Kriterien: 3 Prozent Defizit und 60 Prozent Staatsschulden sind erlaubt, mehr nicht. Der Fokus auf diese Ziele, die den Staat und seine Budgetpolitik betreffen, hat die Euro-Manager blind gemacht für Verwerfungen im Privatsektor. Phänomene wie der Überschuss an Spargeld aus Deutschland - eine Folge der Agenda 2010 - und der damit verbundene Kapitalstrom in Länder wie Spanien wurden makroökonomisch für irrelevant gehalten. Dabei hatten genau diese Ströme das Futter für jene Immobilienblase gebildet, die sich in Spanien später zur Wirtschafts- und Schuldenkrise auswuchs.

Statt die nötigen Schlüsse zu ziehen, brüsten sich die Deutschen nach wie vor mit Exportüberschüssen. Und in Brüssel hält man die Maastricht-Prinzipien weiter hoch - obwohl sich längst gezeigt hat, dass sich die Regeln im Ernstfall weder durchsetzen lassen, noch dass sie in der Krise hilfreich sind. Dennoch wird weiter um Defizitprozente gefeilscht. Hinter verschlossenen Türen wird wertvolles politisches Kapital verschwendet - für Themen, die gar keine echten Probleme sind.

So verharrt die Euro-Zone in ihren Verzerrungen. Eine Finanzzahl, welche die Dysbalancen auf den Punkt bringt, ist der Euro-Kurs selbst. Dieser liegt aktuell bei 1,13 Dollar. Das ist bereits historisch tief, doch für manche Staaten immer noch zu hoch. Nach Berechnungen von Oxford Economics müsste der Euro-Kurs für Portugal angesichts der Fundamentaldaten etwa bei 1,00 Dollar liegen. Der faire Kurs für die Niederlande läge bei 1,34 Dollar (siehe Grafik). Zwischen Deutschland und Griechenland liegt sogar ein Unterschied von fast 50 Prozent. Bis sich eine solche Diskrepanz über interne Preis- und Lohnanpassungen ausgeglichen hat, vergehen unter normalen Umständen nicht Jahre, sondern Jahrzehnte.

Ein unmöglicher Spagat

Ökonomen haben in den letzten Jahren zahllose Vorschläge eingebracht, wie man die Gegensätze in der Euro-Zone mindern und auch das Wachstum fördern könnte. Auf einschlägigen Portalen diskutiert man einen Marschall-Plan, gemeinsame Euro-Bonds, die Vergrösserung des zentralen EU-Budgets, einen koordinierten Finanzausgleich, einen Schuldenschnitt für überschuldete Staaten. Viele Vorschläge sind sinnvoll. Fast alle haben jedoch einen Haken: Sie sind kaum realisierbar.

Denn: Sämtliche Massnahmen, die der Euro-Zone wirklich helfen würden, setzen am Ende einen monetären Transfer von den starken zu den schwachen Ländern voraus. Zu einem solchen Transfer sind die Starken bei der aktuellen Gemütslage aber nur bereit, wenn die Schwachen im Gegenzug die Hoheit über einen Teil ihrer Innenpolitik aufgeben - auch über sensible Bereiche wie Sozialrecht und Budgetpolitik. Souveränitätsaufgaben dieser Art sind indes ebenso wenig en vogue, wie sich der unvermeidliche Schuldenschnitt für die Krisenländer bewerkstelligen lässt. Die Schwachen sind schwach, aber stolz.

Der Spagat ist fast nicht zu schaffen, bilanziert Henning Vöpel. Gleichzeitig sind die Kosten des Nichtstuns immens. Zu diesen Kosten zählt der Ökonom etwa die Tiefzinspolitik, zu der sich die Europäische Zentralbank gezwungen sieht. Man sollte die Geldpolitik nicht permanent überbeanspruchen.

Der Euro
Wie kam es zum Problem?
Innerhalb der Euro-Zone haben sich Ungleichgewichte aufgebaut. Deutschland hat sich durch Tieflöhne extrem kompetitiv gemacht. Die Peripherie lief ins Offside, weil die Zinsen zu tief waren: Griechenland nahm zu viele Schulden auf, in Spanien entstand eine Immobilienblase. Heute verhindert der feste Wechselkurs eine rasche Erholung der Wirtschaft.
Welche Lösungen gibt es?
Entweder die Euro-Länder wachsen näher zusammen - über ein gemeinsames Budget, die Ausgabe von Euro-Bonds, eine gepoolte Arbeitslosenversicherung oder ein sonstiges System - oder die Länder bleiben verwundbar, was in der nächsten Rezession zum Aufbruch führen könnte. Um die Dysbalance zu reduzieren und die Konjunktur in der gesamten Euro-Zone zu stärken, könnten Länder wie Deutschland auch ihre Exportüberschüsse reduzieren - über höhere Löhne und mehr öffentliche Investitionen.
Wer wird die Kosten tragen?
Wird die Krise weiterhin allein mit der Geldpolitik bekämpft, so droht das japanische Szenario: Hohe Schulden, tiefes Wachstum und tiefe Zinsen auf Ewigkeit. Darunter leiden letztlich alle. Ein Schuldenschnitt für die Krisenländer täte den stärkeren Ländern weh - würde aber die Erholung beschleunigen. Kommt es zum Austritt eines Krisenlandes, so verlieren die Vermögen in diesem Land an Wert. Dafür profitieren Arbeitnehmer, wenn die Wirtschaft mit der schwächeren Währung wieder in Fahrt kommt.

Im Herbst entscheidet sich das Schicksal des italienischen Premiers Matteo Renzi. 2017 sind Wahlen in Deutschland und Frankreich. Bereits dann könnte das Ende des Euro eingeläutet werden, sollten Kräfte wie Movimento 5 Stelle oder der Front National an die Macht gelangen. Dessen Chefin Marine Le Pen bezeichnet den Euro als totalen Misserfolg - womit sie nicht ganz falsch liegt, auch wenn die Einheitswährung nicht das einzige Problem der Grande Nation ist.

Der Euro als Währung werde wohl überleben, meint Ricardo Garcia, Europa-Spezialist bei der UBS. Doch das Risiko sei gross, dass einzelne Länder aus der Währungsunion ausscheren: Etwa im Zuge einer künftigen, globalen Rezession.

In diesem Beitrag beschreibt Ricardo Garcia, wie sich die Euroländer auseinanderbewegt haben: Die nächste Krise wird die letzte sein.

Ein Auseinanderbruch des Euro wäre ein Schrecken - aber nicht das Ende von Europa. Länder wie Italien wären zwar bankrott: Sie könnten ihre in Euro lautenden Schulden an die EZB und ihre Eigner nie mehr begleichen. Doch Italiens Wirtschaft hätte mit einer billigen Lira wieder eine Chance. Und die Deutschen bekämen endlich den starken Euro, den sie im Grunde genommen auch verdienen.

Acht Jahre nach der Finanzkrise stockt die Konjunktur noch immer. Die Industrieländer sind mit tiefgreifenden, ungelösten Problemen konfrontiert. In einer fünfteiligen Serie beleuchtet die «Handelszeitung», was die Ursachen und Auswege aus der Misere sind. Lesen Sie in den kommenden Tagen Teil 4 zur Ungleichheit. Bisher erschienen:

Teil 1 zu den Zinsen: Warum das Geld nichts mehr abwirft

Teil 2 zu den Schulden: Wie wir die Schulden wieder senken

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