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Ausblick
«Frankreich hat ein verlorenes Jahrzehnt hinter sich»

Emmanuel Macron: Er will für neue Jobs sorgen. Keystone

Frankreich ist für Schweizer Exporteure einer der wichtigsten Abnehmer. Was die anstehende Wahl bringt und warum es der neue Präsident viel leichter als Hollande hat, erklärt Ökonom Ludovic Subran.

Von Mathias Ohanian
am 29.03.2017

Europa kommt wirtschaftlich wieder auf die Beine. Wie profitiert die Schweiz davon?
Die Erholung der wichtigsten Handelspartner ist wichtig für die Schweiz. Die Neubestellungen der Exporteure steigen und liegen seit Jahresbeginn seit langer Zeit erstmals wieder über dem langfristigen Schnitt. Insgesamt dürften die Ausfuhren damit in diesem Jahr erneut um 4 Prozent wachsen. Das sind Waren im Wert von 7 Milliarden Franken, die mehr im Ausland verkauft werden. Diese Zahlen sind sehr positiv. Die Erholung der Industrie ist aber leider etwas enttäuschend.

Wie ist die Stimmung in der Exportwirtschaft?
Positiv, auch weil der Franken sich auf einem neuen Gleichgewicht zum Euro eingependelt hat. Zwar sind die Nachrichten aus Ländern wie der Türkei oder Grossbritannien nicht so gut und die Insolvenzen in wichtigen Partnerländern steigen in diesem Jahr. Dafür macht aber die Entwicklung in anderen Märkten Mut: Mit Blick auf die Entwicklung in Russland ist man in der Schweiz deutlich optimistischer, das ist immerhin ein wichtiger Markt für die Luxusgüterindustrie.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Insolvenzen in der Schweiz gestiegen. Wie sieht es 2017 aus?
Wir sehen eine Stabilisierung in diesem Jahr. Das deckt sich mit den Ergebnissen unserer Umfrage unter 330 kleinen und mittleren Unternehmen: Die wahrgenommenen Risiken für die Schweizer Exporteure nehmen ab. Das gilt für jede der drei grössten Herausforderungen: den starken Franken, aber auch das Konjunktur- und das Delkredererisiko.

Als Chefökonom von Euler Hermes sitzen Sie in Paris. Wie geht es mit Frankreich weiter?
Frankreich hat ein verlorenes Jahrzehnt hinter sich. Das gilt für Jobs, Insolvenzen und Unternehmensgewinne. Das sorgt für Unzufriedenheit. Interessanterweise hat sich die wirtschaftliche Stimmung zuletzt aufgehellt. Die Konsumenten haben ihre Ausgaben gesteigert, davon profitiert auch die Schweiz als wichtiger Handelspartner. Die Exporte nach Frankreich werden auch in diesem und im kommenden Jahr wachsen.

Nun stehen wichtige Wahlen an.
Alle ernsthaften Kandidaten für das Amt des Präsidenten haben sich klar dazu bekannt, die Kaufkraft der Franzosen steigern zu wollen. Alle wollen die Steuern senken. Der aussichtsreichste Kandidat, Emmanuel Macron, will mit Marktreformen den Arbeitsmarkt verbessern. Und mit etwas klugem Protektionismus könnten auch neue Jobs geschaffen werden. Unterm Strich rechnen wir bei allen Kandidaten mit einem positiven Beitrag zum Wachstum. Zwar gibt es die Gefahr, dass Marine LePen gewählt wird und damit die Debatte um einen Austritt Frankreichs aus dem Euro angeheizt wird – aber das ist eher unwahrscheinlich. Doch das Wahljahr birgt Unsicherheit.

Inwiefern?
Nach der Präsidentschaftswahl steht im Juni auch die Abstimmung über das Parlament ab. Hier zeichnet sich womöglich eine Minderheitsregierung ab, damit rechnen die Finanzmärkte aktuell offenbar. Das wäre so etwas wie ein kleines Brexit-Szenario, aber sicher nicht so negativ.

Als Francois Hollande vor fünf Jahren Präsident wurde, kündigte er ebenfalls an, schnell neue Jobs zu schaffen. Er scheiterte. Warum soll es heute anders werden?
Frankreich war Mitte 2012 in einer ganz anderen Situation, wir befanden uns mitten in der Euro-Krise. Das Haushaltsdefizit war mit 4,7 Prozent vom Bruttoinlandprodukt deutlich höher als heute mit 3 Prozent. Jetzt unterstützt die Europäische Zentralbank mit ihrem Anleihekaufprogramm: Das ist ein Game Changer für die Finanzierung von Unternehmen und wichtig für die Investitionen von Unternehmen und Haushalten. Und natürlich wächst Europa heute wieder – davon profitiert auch Frankreich. 

* Ludovic Subran ist Chefökonom des weltgrössten Kreditversicherers Euler Hermes mit Sitz in Paris.

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