Bei der ersten von mehreren neuen Geldspritzen der EZB für das Finanzsystem war die Nachfrage der Banken überraschend gering. 255 Institute sicherten sich zusammen die relativ niedrige Summe von 82,6 Milliarden Euro, wie die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag in Frankfurt mitteilte. Von Reuters befragte Volkswirte hatten damit gerechnet, dass rund 130 Milliarden Euro abgerufen werden. Die EZB hatte bereits im Juni beschlossen, das Finanzsystem bis Mitte 2016 mit mehreren neuen Geldsalven zu fluten - die nächste will sie Mitte Dezember auflegen.

Die Notenbank will so die stockende Kreditvergabe in weiten Teilen der Währungsunion ankurbeln und zugleich das Bankensystem liquide halten. EZB-Präsident Mario Draghi rechnet für die beiden ersten TLTROs der Zentralbank mit einer Gesamtsumme von bis zu 400 Milliarden Euro. Damit die Banken möglichst mehr Kredite vergeben, dürfen sie das frische ultrabillige Geld nur dann vier Jahre lang behalten, wenn sie ihre Kreditvergabe nicht einschränken. Tun sie das doch, müssen sie die Milliarden nach zwei Jahren an die EZB zurückzahlen.

Unterschiedliche Erklärungen

Analysten und Ökonomen fanden unterschiedliche Erklärungen für die geringe Nachfrage. Einige Institute könnten jetzt noch nicht zugeschlagen haben, weil sie von der Leitzinssenkung der EZB Anfang September völlig überrascht wurden. Mit der Kappung des Schlüsselsatzes auf 0,05 von 0,15 Prozent hatte die EZB die neuen Geldspritzen attraktiver gemacht - ihr Zins setzt sich nämlich aus diesem Leitzins und einem kleinen Aufschlag von zehn Basispunkten zusammen. Denkbar sei auch, dass sich einige Banken kurz vor Ende der Überprüfung durch EZB und nationale Aufseher gescheut hätten, frische Mittel bei der Notenbank aufzunehmen.

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank, sieht auch im kürzlich von der EZB beschlossenen Kaufprogramm für Kreditverbriefungen und Pfandbriefe einen möglichen Grund für die Zurückhaltung. Während bei den Tendern Kosten auf die Banken zukämen, könnten sie dagegen möglicherweise Kursgewinne realisieren, wenn die EZB ihnen ab Oktober Wertpapiere abkauft. «Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass die Nachfrage im Dezember wohl ebenfalls schwach ausfallen dürfte.» Damit werde Draghis Ziel, die EZB-Bilanzsumme auf das Niveau von 2012 zu hieven, schwer erreichbar, sagte Gitzel. Für NordLB-Analyst Mario Gruppe war die Geldspritze ein «Misserfolg».

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Investoren reagierten enttäuscht

An den Finanzmärkten reagierten die Investoren zunächst enttäuscht, die Kurse berappelten sich allerdings recht schnell wieder. Der Bankenindex für die Euro-Zone grenzte seine Gewinne kurzzeitig auf ein Prozent nach zuvor 1,3 Prozent ein. Auch der deutsche Leitzindex Dax in Frankfurt, der vor Veröffentlichung des Ergebnisses mehr als ein Prozent fester notiert hatte, bröckelte leicht ab. Der Kurs des Euro gab nur wenig nach.

Die Notenbank hatten 2011/12 auf dem Höhepunkt der Euro-Schuldenkrise schon einmal die gigantische Summe von rund einer Billion Euro in die Geldhäuser der Währungsunion gepumpt, um einen Liquiditätsengpass zu verhindern. Einen Grossteil dieses Geldes haben die Institute allerdings inzwischen wieder an die EZB zurückgezahlt. Das neue ultrabillige Geld soll diese Mittel ersetzen und zugleich einen Anreiz schaffen, neue Kredite vor allem an kleine und mittelständische Unternehmen zu vergeben.

(reuters/ise/ama)