1. Home
  2. Grexit? «Die EZB richtet am Ende über Griechenland»

Euro-Krise
Grexit? «Die EZB richtet am Ende über Griechenland»

Ob Griechenland eine Zukunft im Euro hat, hängt in erster Linie an den Euro-Notenbankern. Doch die EZB ist nicht einmal eine politische Institution. Topökonom Charles Wyplosz über das, was nun zählt.

Von Mathias Ohanian
am 30.06.2015

Athen hat fällige Schulden in Höhe von 1.5 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds nicht gezahlt, die Griechen stimmen am Sonntag über das Sparprogramm ab. Wie nahe ist der Grexit?
Charles Wyplosz*: Wenn Griechenland das Geld nicht an den IWF zahlt, ist das zunächst keine grosse Sache. Der IWF hat einen Monat Zeit, um Griechenland zur Zahlung aufzufordern und Verzug zu melden. Aber davon geht die Welt nicht unter. Und wenn die Griechen beim Referendum für das Programm stimmen, können die Verhandlungen – etwa unter einer neuen Regierung – wieder aufgenommen werden. Bei einem «Ja» hängt alles von der Europäischen Zentralbank (EZB) ab. Sie entscheidet über Griechenlands Fortbestand im Währungsraum.

EZB-Präsident Mario Draghi könnte also einmal mehr zum Protagonisten werden, nachdem er schon 2012 die Märkte mit seinem «whatever it takes» für lange Zeit beruhigte?
Ein Grexit würde von einem Kollaps des griechischen Bankensystems ausgelöst werden. Deshalb ist die EZB der entscheidende Faktor: Sie richtet mit ihren Notkrediten für Griechenland darüber, ob es einen Euro-Austritt gibt oder nicht. Dabei ist die Notenbank nicht demokratisch legitimiert. Die EZB ist keine politische Institution – es ist für sie also sehr hart, diese Entscheidung zu treffen.

Am Sonntag verlängerte die EZB die Notkredite für Griechenland noch.
Die Nachricht zwischen den Zeilen war aber eine ganz andere: Die EZB deckelte die Notfallkredite für Griechenland auf dem bisherigen Niveau von 89 Milliarden Euro. Das heisst: Es gibt kein frisches Geld für Griechenland. Dabei brauchen die Banken gerade jetzt Unterstützung. Denn selbst wenn sie nun geschlossen sind, verlässt viel Geld den Finanzsektor. Die EZB hat am Sonntag ein stark negatives Signal ausgesendet.

Wie reagiert Athen, sollten die Banken noch stärker in Schieflage geraten?
Können die Finanzinstitute kein Bargeld mehr an die Kunden auszahlen, kommt es früher oder später zu einem Kollaps des Bankensystems. Die Regierung in Athen wird das nicht lange hinnehmen, weil ein solcher Finanzkollaps für die Wirtschaft ein totales Desaster bedeuten würde. An dieser Stelle müsste Griechenland den Euro verlassen und Athen müsste mit der Drachme die Funktionsfähigkeit des Bankensystems gewährleisten. Bis zur Mitteilung der EZB am Sonntag war ich für die Euro-Zone den Umständen entsprechend optimistisch.

Wie gross wären die Ansteckungseffekte einer Insolvenz Griechenlands auf die Banken anderer Euro-Länder und der Schweiz?
Nicht gross. Das Gros der Schulden wird inzwischen von griechischen Banken und den Institutionen gehalten. Wenn den Griechen das Geld ausgeht und sie schlau sind, werden sie bei privaten Gläubigern keinen Zahlungsausfall riskieren – sondern zunächst die Schulden beim IWF, der EZB und schliesslich dem Rettungsfonds EFSF nicht zurückzahlen. Unterm Strich ist das eine griechische Geschichte.

Welches Signal hätte ein Austritt Griechenlands aus dem Euro?
Wenn Griechenland den Euro verlassen würde, wäre das eine fundamentale Veränderung der Natur der Währungsunion. Es würde klar: Der Euro ist keine Einbahnstrasse. Der Euro wäre nicht unwiderruflich, so wie es die Verträge eigentlich festhalten. Das heisst: Bekommt ein anderes Land wieder einmal Probleme – egal, ob in einem Monat oder in zehn Jahren –, werden die Investoren an den Finanzmärkten sich an den Grexit erinnern. Das bedeutet für die Währungsunion eine neue Quelle der Fragilität. Das kann sehr gefährlich sein.

Wäre Portugal ein potenzieller neuer Krisenkandidat?
Zumindest könnte die Sorge um das Land bei einem Euro-Austritt Griechenlands wieder zunehmen. Die portugiesischen Banken gelten als schwach kapitalisiert und dort stehen im Herbst wichtige Wahlen an.

Griechenland sollte also im Euro gehalten werden?
Für die Griechen selbst wäre das besser, sonst entstünde das totale Chaos. Für die übrigen Euro-Länder wäre das Signal wichtig, dass die gemeinsame Währung eine unumkehrbarer Schritt ist. Es ist extrem verstörend, dass Europas Politiker keine gemeinsame Lösung finden können. Der Job der politischen Entscheidungsträger wäre es eigentlich, den Euro zu sichern – darin sind sie allerdings alles andere als gut.

 

* Charles Wyplosz gehört zu den renommiertesten Makroökonomen Europas. Der Franzose unterrichtet am Graduate Institute in Genf. Wyplosz promovierte an der Elite-Universität Harvard, zu seinen Forschungsgebieten gehört die Ökonomie von Währungsräumen.

Anzeige