Alexis Tsipras fordert die Deutschen auf, ihre Sommerferien in Griechenland zu verbringen. Der Chef der linksradikalen griechischen Syriza-Partei will nach seinem voraussichtlichen Wahlsieg am 17. Juni die Auflagen des Rettungspakets nicht akzeptieren. Er setzt darauf, dass Griechenland bei einem Austritt weniger zu verlieren hat als die Euro-Zone.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel warnt davor, dass sich die Griechen mit der Wahl Syrizas aus dem Euro-Land verabschieden.

Beide Seiten pokern hoch. Drei Viertel der Griechen lehnen einen Austritt aus der Währungsunion ab. Das Land steckt in einer Depression. Griechenland ist auf den steten Kapitalfluss aus der Euro-Zone angewiesen. Wird er gekappt, versinkt das Land im Chaos.

Der Austritt aus dem Euro wäre brutaler als die Sparpolitik

Viele verweisen auf das Beispiel Argentiniens, das 2001/2002 die Bindung des Peso an den Dollar auflöste und den Staatsbankrott erklärte. Dank einer massiven Abwertung zog das Wachstum schon kurze Zeit später stark an. Abwertungen brachten in der Vergangenheit auch Russland, Südkorea oder Island wieder auf Wachstumskurs.

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Doch der Fall Griechenland ist ungleich schwieriger. Das Land kann nicht einfach abwerten, sondern muss eine neue Währung einführen, während der Euro weiter existiert. Mit der Abwertung entwerten sich auch die Ersparnisse und die Kaufkraft. Im Irak brauchten die Amerikaner drei Monate, um eine neue Währung einzuführen. In dieser Zeit dürfte sämtliches bewegliches Kapital längst aus Griechenland geflüchtet sein.

Ein Austritt aus dem Euro hätte kurzfristig drastischere Auswirkungen auf die Wirtschaft und das Leben der Griechen als die Sparpolitik, gegen die sie sich jetzt wehren. Tsipras’ Drohung ist nicht glaubwürdig.

In der Euro-Zone wächst das Lager jener, die einen Austritt für verkraftbar halten. Nach dem Motto «Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende» berechnen sie, was das kosten würde. Allein die EZB müsste rund 250 Milliarden Euro abschreiben.

Die Europäische Zentralbank könnte den Hahn zudrehen

Beängstigender sind die indirekten Folgen. Warum sollten Portugiesen, Italiener, Iren oder Spanier den Zusicherungen der Politiker noch trauen, dass der Euro hält? Die Flucht in sichere Häfen ist bereits im Gang.

Diese Woche konnte der deutsche Staat eine zweijährige Anleihe zum Nullzins verkaufen, die Eidgenossenschaft geniesst schon lange negative Zinsen auf Kurzfristpapieren. Wenn die Südländer sehen, was in Griechenland nach dem Euro-Ausstieg geschieht, werden sie die Banken stürmen und Euro abziehen. Die Folgen für die EZB und Deutschland wären verheerend. Auch Merkels Drohung riecht nach Bluff.

Weil die Politik feststeckt, lastet die Verantwortung auf der EZB, an deren Tropf die griechischen Banken hängen. Zusätzlich zur üblichen Liquiditätsversorgung haben sie rund 100 Milliarden Euro Not-Liquidität – «Emergency Liquidity Assistance» (ELA) – von der griechischen Zentralbank gezogen und dafür minderwertige Sicherheiten hinterlegt.

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Es braucht eine Zweidrittelmehrheit im EZB-Rat, um die Gewährung von ELA zu stoppen. Das ist der Hebel, um Griechenland aus dem Euro zu zwingen. Wahrscheinlicher ist, dass Deutschland in der EZB überstimmt wird. Und wenn es zum Letzten kommt, alle Schleusen geöffnet werden, um ein Chaos zu verhindern.

Die Sparpolitik ist gescheitert, Strukturreformen sind unpopulär, Deutschland will nicht endlos zahlen, für eine politische Union gibt es zu grosse Differenzen und zu wenig politischen Willen – in der Euro-Zone kann diesen Sommer keine Ferienstimmung aufkommen.

Alexis Tsipras wird mit seiner Tourismuswerbung höchstens ein paar Abenteuerurlauber anlocken.