«Handelszeitung Online»: Spaniens Banken bekommen Milliarden-Hilfen. Die Börsen reagieren erleichtert, die Kurse schiessen nach oben. Zurecht?

Armbruster: Ja, denn je grösser die Bankenkrise in Spanien wurde, desto klarer wurde auch, dass sich das Land nicht mehr selbst helfen kann. Doch auf die aktuelle Erleichterung dürfte Ernüchterung folgen. Die Häuserpreise in Spanien dürften weiter sinken, was die Banken wieder in Bedrängnis bringen könnte. Nun werden ihnen 100 Milliarden Euro zugesprochen. Ich hoffe, dass sie ausreichen werden.

Spaniens Misere besteht nicht nur aus der Bankenkrise. So hat etwa mehr als jeder Zweite unter 25 keinen Job – wie soll die Regierung Rajoy das in den Griff bekommen? 

Der Immobilienboom hat zu einer falschen Verteilung der Ressourcen geführt: Das Baugewerbe hat massiv Arbeitskräfte ausgebildet und eingestellt, die nun nicht mehr gebraucht werden. Zudem ist Spanien international wenig wettbewerbsfähig. Sektorspezifische Probleme und kaum Produktivitätsfortschritte in der Wirtschaft führten zu hoher Arbeitslosigkeit. Der Weg zum Erfolg wird daher lang und hart sein. Tiefere Löhne sind kurzfristig die einzige Möglichkeit, um aus der Krise zu finden. Der Lebensstandard vieler Spanier wird sinken.

Joseph Stiglitz spricht in Bezug auf die Banken-Hilfe von «Voodoo-Ökonomie» und kritisiert, Europa würde sich nicht dem grundlegenden Problem stellen, dem mangelnden Wachstum. Sind die Euroländer auf dem Holzweg?

Das Krisenmanagement kann verbessert werden. Turbulenzen an den Finanzmärkten sind notwendig, um die Lösungsfindung der Politik voran zu bringen. Die Sparprogramme waren und sind notwendig, um einen Staatskonkurs-Tsunami in Europa zu vermeiden. Die aktuell vorgeschlagenen Wachstumsinitiativen sollen auf Pump über europäische Institutionen finanziert werden. Doch Schulden mit Schulden zu finanzieren, kann langfristig nicht die Lösung sein. Damit Europa wieder auf die Beine kommt, sollte die Steuereintreibung effizienter und effektiver werden. Die Schattenwirtschaft ist zu gross.

Roland Armbruster ist stellvertrender Leiter Investment Research & Advisory bei der Basler Kantonalbank (BKB).

Aus welchem Land kommt der nächste Hilferuf aus dem Bankensektor?

Erneut aus Spanien, sollten die Häuserpreise weiter sinken. Zurzeit sehen ich keine anderen Länder mit derart grossen Ungleichgewichten. Trotzdem, die Situation ist für alle Banken angespannt. Da die EZB «A» gesagt hat und mit Liquiditätsspritzen die Banken unterstützt hat, wird sie auch «B» sagen und nicht damit aufhören. Ich rechne mit einer gemeinsamen Banken(-rettungs)politik nach dem EU-Gipfel Ende Juni.

Am Wochenende sind Wahlen in Griechenland. Sollten die Linksaussen-Parteien siegen, würde das ein Euro-Aus für das Land bedeuten?

Touristen stornieren aufgrund von potentiellen Streiks und aus Angst vor Übergriffen ihre Reisen nach Griechenland. Griechen stoppen Steuerzahlungen aufgrund eines potentiellen Staatskonkurses. Die innere Sicherheit Griechenlands ist daher gefährdet. Es droht Anarchie. Wie lange wird man der Polizei noch Löhne zahlen können? Mittelfristig wäre ein Euro-Ausstieg vermutlich der bessere Weg. Den Griechen würde klar, dass sie auf sich selbst gestellt sind. Diese Einsicht könnte zu einer verbesserten Mentalität führen. Schulden entstehen aus einem Mangel an Bodenhaftung.

Was wären bei einem Euro-Ausstieg die Konsequenzen für das Land und für die Eurozone?

Griechenland könnte seine Schuldzahlungen sistieren und von Neuem beginnen. Dieser Neustart könnte aufgrund der sichtbar gewordenen Eigenverantwortung besser gelingen, als man glauben könnte. Die Eigentümer griechischer Staatsanleihen müssten aber wohl auf einen hohen Teil ihrer Guthaben verzichten.

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