Griechenland spukt plötzlich wieder als Schreckgespenst an den Finanzmärkten herum. Um was geht es bei den derzeitigen Diskussionen konkret?
Armin Müller: Die griechische Regierung und der internationale Bankenverband müssen sich auf den geplanten Schuldenschnitt von 50 Prozent für die privaten Gläubiger einigen.

Was sind die Knackpunkte?
Griechenland braucht und will für die Refinanzierung einen möglichst tiefen Zins aushandeln, um die Schuldenlast erträglich zu machen. Im Gegenzug plädieren die Bankenvertreter natürlich für einen hohen Zins, um die durch den Schuldenschnitt entstehenden Verluste möglichst gering zu halten.

Gibt es bei diesen Diskussionen weitere Interessensgruppen?
In der Tat. Hedge Funds, die griechische Anleihen halten, sind daran interessiert, dass es nicht zu einer Einigung kommt. Dann würden sie von der Kreditausfallversicherung profitieren.

Man gewinnt den Eindruck, dass die derzeitigen Diskussionen auf das Duell zwischen Deutschland und Griechenland reduziert wird – der finanzkräftige «Good Guy» gegen den kriselnden «Bad Guy». Ist die Sichtweise zu stark vereinfacht?
Eindeutig. Deutschland hat ein sehr grosses Interesse an einer Einigung, damit Griechenland möglichst lange im Euro verbleiben kann.

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Und wenn die Einigung nicht zu Stande kommt...
... wird es für Griechenland wahrscheinlich unmöglich, am 20. März die über 14 Milliarden Euro Schulden erfolgreich abzulösen. Damit wäre der Termin der eigentliche Zeitpunkt für den Staatsbankrott. Dass wollen aber weder die Eurozone noch die Europäische Zentralbank (EZB). Und auch Griechenland hat an einem solchen Szenario noch kein Interesse.

Weshalb die Formulierung «noch kein Interesse»?
Sobald Griechenland vor Zinszahlungen einen Budgetüberschuss erzielt, wird es ökonomisch interessant, den Schuldendienst nicht mehr zu leisten. Erst dann wäre es ökonomisch überhaupt sinnvoll, die Insolvenz zu erklären. Denn ab diesem Zeitpunkt ist Griechenland nicht mehr auf die Kredite aus dem Ausland angewiesen. Ein vorheriger Staatsbankrott wäre Selbstmord.

Was bedeuten diese Szenarien für den Euro?
Vor kurzem hätte ein Austritt Griechenlands das Ende der Eurozone bedeutet, weil dann ein Dominostein nach dem andern gefallen wäre, zuerst Portugal, dann Irland, Italien, Spanien. Gewesen. Heute gilt das wahrscheinlich nicht mehr. Es verhält sich ähnlich wie mit dem kürzlichen Downgrade von Frankreich: Vor einem Jahr hätte ein solcher Schritt noch Panik an den Märkten ausgelöst, heute haben sich die Akteure längst darauf eingestellt.

Ihr Szenario: Kommt es in Griechenland zu einer Einigung?
Ja – unter massivem Druck von EZB und EU. Es darf aber nicht vergessen werden, dass nach dem Bankenverband auch dessen einzelne Mitglieder eine solche Einigung noch absegnen müssen. Es ist offen, ob da genügend mitmachen werden.

Mit anderen Worten: Keine rasche Einigung?
Jedenfalls keine rasche Lösung. Ein definitiver Entscheid über Griechenlands Verbleib in der Euro-Zone wird so oder so weiter in die Zukunft geschoben. Fakt ist aber, dass bis zum 20. März alle Beteiligten eine Lösung gefunden haben müssen – und sei dies nur pro forma auf dem Papier. Ob sie langfristig taugt, bleibt auch dann noch fraglich.

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