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Grosse Müdigkeit in der Euro-Zone

Nouriel Roubini, US-Ökonom

Die Sparmüdigkeit in den Randbereichen der Euro-Zone trifft auf eine Rettungsmüdigkeit in den Kernländern. Auch China hat eine Menge Probleme und die Herausforderungen in Japan sind beängstigend. Im r

Von Nouriel Roubini
am 03.04.2013

Meine Reisen führten mich in den letzten vier Wochen nach Sofia, Kuala Lumpur, Dubai, London, Mailand, Frankfurt, Berlin, Paris, Peking, Tokio, Istanbul und durch die Vereinigten Staaten. Die zahllosen Herausforderungen, vor denen die Weltwirtschaft steht, lagen nie allzu weit weg.

In Europa wurde das Extremrisiko eines Auseinanderbrechens der Euro-Zone durch den Entscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) vom letzten Sommer, die Schuldenländer zu stützen, verringert. Doch die grundlegenden Probleme der Währungsunion – ein niedriges Wachstumspotenzial, fortdauernde Rezession, der zunehmende Mangel an Wettbewerbs­fähigkeit und hohe private und öffentliche Schuldenstände – sind weiter ungelöst.

Zudem bricht derzeit die zwischen dem Kern der Euro-Zone, der EZB und der Peripherie vereinbarte «grosse Lösung» – schmerzhaftes Sparen und Reformen im Tausch gegen umfassende finanzielle Unterstützung – zusammen. Die Sparmüdigkeit in den Randbereichen der Euro-Zone trifft auf eine zunehmende Rettungsmüdigkeit in Kernländern wie Deutschland und den Niederlanden.

Anti-Establishment-Kräfte werden in Europa lauter und stärker

Die Sparmüdigkeit in der Peripherie ist klar am Erfolg der Anti-Establishment-Kräfte bei den jüngsten italienischen Wahlen zu erkennen sowie an den Grossdemonstrationen in Spanien und Portugal und an der verpfuschten Rettung der zypriotischen Banken. Überall an der Peripherie gewinnen linke und rechte populistische Parteien an Boden.

Zugleich ist Deutschlands Beharren darauf, die Bankgläubiger in Zypern an den Verlusten zu beteiligen, das jüngste Symptom der Rettungsmüdigkeit im Kern. Andere Kernländer der Euro-Zone haben in dem Wunsch, die Risiken für ihre Steuerzahler zu begrenzen, in ähnlicher Weise signalisiert, dass es künftig eine Beteiligung der Gläubiger geben müsse.

Ausserhalb der Euro-Zone tut sich selbst Grossbritannien aufgrund verfrühter Anstrengungen zur Haushaltskonsolidierung schwer, wieder für Wachstum zu sorgen. Und auch in Bulgarien, Rumänien und Ungarn verstärkt sich die Ablehnung der Sparpolitik.

In China ist der Führungswechsel reibungslos über die Bühne gegangen. Doch das Wirtschaftsmodell des Landes bleibt – um es mit den berühmten Worten von Ministerpräsident Wen Jiabao zu sagen – «instabil, unausgewogen, unkoordiniert und nicht nachhaltig».

Bric-Staaten zu sehr hochgejubelt

China hat eine Menge Probleme: Regionale Ungleichgewichte zwischen Küstenregionen und Binnenland sowie zwischen städtischen und ländlichen Gebieten, überhöhte Ersparnisse, zu wenig privaten Konsum, eine wachsende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen sowie die massive Umweltzerstörung. Von der Verschmutzung der Luft, des Wassers und des Bodens geht eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit und die Sicherheit der Lebensmittelversorgung aus.

Die neue Führung des Landes spricht mit Ernst über eine Vertiefung der Reformen und eine Neuaustarierung der Volkswirtschaft, doch sie bleibt von ihrer Neigung her vorsichtig und konservativ. Zudem muss die Macht der Partikularinteressen, die sich Reformen widersetzen, erst noch gebrochen werden. Infolgedessen werden die für eine Neuaustarierung erforderlichen Reformen möglicherweise nicht schnell genug erfolgen, um eine harte Landung zu vermeiden, wenn es bis zum nächsten Jahr zu einem Investitionsabschwung kommt.

In China wie auch in Russland und teilweise in Brasilien und Indien hat sich der Staatskapitalismus verfestigt, was für das Wachstum nichts Gutes verheisst. Insgesamt wurden diese vier Länder (die Bric-Staaten) zu sehr hochgejubelt. Möglicherweise werden sich andere Schwellenvolkswirtschaften im kommenden Jahrzehnt besser entwickeln: Malaysia, die Philippinen und Indonesien in Asien, Chile, Kolumbien und Peru in Lateinamerika sowie Kasachstan, Aserbaidschan und Polen in Osteuropa und Zentralasien.

Wirtschaftliches Experiment in Japan mit ungewissem Ausgang

Weiter im Osten experimentiert Japan, um die Deflation zu stoppen, das Wirtschaftswachstum zu fördern und das Vertrauen der Unternehmen und Verbraucher zu stärken. «Abenomics» (die Wirtschaftspolitik der Regierung Abe) hat mehrere Komponenten: Aggressive geldpolitische Impulse seitens der Bank von Japan, Steuerimpulse zur Ankurbelung der Nachfrage in diesem Jahr und dann 2014 fiskalische Austerität, um Defizite und Verschuldung in den Griff zu bekommen, Bemühungen zur Steigerung der Nominallöhne, um die Binnennachfrage zu erhöhen, Strukturreformen zur Liberalisierung der Wirtschaft und neue Freihandelsverträge, um Handel und Produktivität zu steigern.

Doch die Herausforderungen sind beängstigend. Es ist unklar, ob die Deflation durch geldpolitische Massnahmen überwunden werden kann. Übermässige Steuerimpulse und verzögerte Sparmassnahmen könnten die Verschuldung untragbar machen. Zudem sind die strukturreformerischen Komponenten der «Abenomics» vage. Ausserdem könnten die Spannungen mit China über territoriale Ansprüche im Ostchinesischen Meer Handel und ausländische Direktinvestitionen negativ beeinflussen.

Dann ist da der Mittlere Osten: Ein Bogen der Instabilität vom Maghreb bis hin nach Pakistan. Die Türkei mit einer jungen Bevölkerung, hohem Wachstumspotenzial und einem dynamischen privaten Sektor strebt danach, eine wichtige Regionalmacht zu werden, steht jedoch vor zahlreichen eigenen Herausforderungen. Ihr Bemühen um Aufnahme in die Europäische Union ist ins Stocken geraten, während die Rezession in der Euro-Zone ihr Wachstum bremst. Ihr Leistungsbilanzdefizit bleibt hoch. Ihre Geldpolitik verwirrt, da das Ziel, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum zu stärken, mit der Notwendigkeit kollidiert, die Inflation unter Kontrolle zu halten und eine übermässige Kreditexpansion zu vermeiden.

Risiken bleiben auch in den USA

Während eine Wiederaussöhnung mit Israel wahrscheinlicher geworden ist, sieht sich die Türkei schweren Spannungen mit Syrien und dem Iran ausgesetzt. Ihre herrschende islamistische Partei muss erst noch den Beweis erbringen, dass sie zur Koexistenz mit der säkularen politischen Tradition des Landes imstande ist.

Hat sich Amerika angesichts dieses fragilen globalen Umfeldes zu einem Hoffnungsstrahl entwickelt? In den USA sind derzeit mehrere positive Wirtschaftstrends zu verzeichnen. Der Wohnungssektor erholt sich, Schiefergas und -öl werden die Energiekosten verringern und die Wettbewerbsfähigkeit steigern. Es werden mehr Arbeitsplätze geschaffen, steigende Arbeitskosten in Asien und das Aufkommen von Robotik und Automation stärken die Erholung im produzierenden Gewerbe, und die aggressive quantitative Lockerung hilft sowohl der Realwirtschaft als auch den Finanzmärkten.

Risiken jedoch bleiben. Die Arbeitslosigkeit und die Schuldenstände der Haushalte bleiben hoch. Die Bremswirkung von Steuererhöhungen und Ausgabesenkungen wird das Wachstum beeinträchtigen, und das politische System ist gestört. Die Polarisierung entlang von Parteilinien behindert einen Kompromiss beim Haushaltsdefizit, in der Einwanderungs­politik, der Energiepolitik und in anderen wichtigen Fragen, die das potenzielle Wachstum beeinflussen.

USA haben die Nase vor Japan und Europa

In der Summe befinden sich die USA unter den hochentwickelten Volkswirtschaften relativ gesehen im besten Zustand, gefolgt von Japan, wo die «Abenomics» das Vertrauen stärken. Die Euro-Zone und Grossbritannien stecken weiter in Rezessionen fest, die durch eine straffe Geld- und Haushaltspolitik verschlimmert werden.

Unter den Schwellenvolkswirtschaften könnte China bis Ende 2014 eine harte Landung erleben, falls kritische Strukturreformen verschoben werden. Die übrigen Bric-Staaten müssen sich vom Staatskapitalismus abwenden. Während andere Schwellenmärkte in Asien und Lateinamerika mehr Dynamik zeigen als die Bric-Staaten, wird ihre Stärke nicht ausreichen, um eine globale Wende einzuleiten.
 

Nouriel Roubini ist Professor für Ökonomie an der Stern School of Business der New York University und Chairman von Roubini Global Economics.© Project Syndicate, 2013

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