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Europa
Ifo-Chef Fuest: «Macron weiss, was machbar ist»

Clemens Fuest: «Der Aufschwung ist intakt.» Ces Ifo

In Deutschland wächst die Angst, Frankreichs neuer Präsident Emmanuel Macron könnte teuer für Berlin werden. Topökonom Clemens Fuest erklärt, wie die zwei Euro-Schwergewichte zueinanderfinden können.

Von Mathias Ohanian
am 17.05.2017

Nach den Wahlen in Frankreich setzen viele Experten auf einen Aufschwung in der Euro-Zone. Wie berechtigt ist der Optimismus?
Clemens Fuest: Kurzfristig sehr. Die konjunkturellen Vorzeichen zeigen bereits seit Ende 2016 nach oben. Nun erreicht der Aufschwung immer mehr Branchen, auch die Industrie profitiert von der expandierenden Weltwirtschaft. Es gibt sogar erste Anzeichen von Preiserhöhungen, weil die Nachfrage steigt. Der Aufschwung ist intakt.

In Deutschland wurden jüngst kritische Stimmen laut, weil die Pläne von Frankreichs neuem Präsidenten Emmanuel Macron für Berlin sehr teuer werden könnten. Zu Recht?
Wenn die Deutschen keinen neuen Eurozonen-Haushalt wollen, wird es den auch nicht geben. Ich würde aber empfehlen, Macron in Ruhe anzuhören und das Gespräch mit ihm zu suchen. Er hat ein gutes Verständnis davon, was für Berlin machbar ist und was nicht.

Können Sie ein Beispiel geben?
Macron hat mit Sigmar Gabriel ein Papier formuliert, in dem er Schulden-Restrukturierungen für Euro-Länder fordert. Auch hat er selbst in Reden Verständnis dafür geäussert, dass Berlin nicht einfach Schulden zusammenlegen will und darauf hingewiesen, dass die deutschen Staatsschulden bei rund 70 Prozent des Bruttoinlandprodukts liegen, die von Frankreich bei 100 Prozent.

Wird die Bundestagswahl in Deutschland zu einem Stolperstein?
Das glaube ich nicht. Radikale Parteien haben in Deutschland wenig Unterstützung. Derzeit sieht es so aus, als würde Angela Merkel die Wahl gewinnen und wieder eine Grosse Koalition führen. Da wird es keine gravierenden Richtungswechsel in der Europapolitik oder in der allgemeinen Wirtschafts- und Finanzpolitik geben.

Haben Sie die Sozialdemokraten und ihren Kandidaten Martin Schulz bereits abgeschrieben?
Nein, aber nach der verlorenen Wahl in Nordrhein-Westfalen wird es schwer für die SPD. Schulz wird sicherlich versuchen, durch das Thema Ungleichheit zu punkten. Aber das hat für die meisten Wähler keine Priorität, Themen wie die Innere Sicherheit sind wichtiger. Chancen hat die SPD wohl nur noch dann, wenn Angela Merkel Fehler macht. Zu grosse Selbstsicherheit oder verfrühte Siegeseuphorie wären solche Fehler. Überhebliche Politiker kommen bei den Wählern nicht gut an.

Wo könnten sich Deutschland und Frankreich treffen?
Deutschland könnte mit einen Krisenfonds entgegenkommen, der Länder in akuten Notlagen unterstützt. Dafür könnte Berlin verlangen, ein glaubwürdiges Insolvenz-Verfahren für Staaten zu installieren und so für härtere Budget-Restriktionen zu sorgen. Ich sehe gute Chancen für eine Annäherung.

Die Arbeitslosenquote in der Euro-Zone ist zwar gesunken, mancherorts aber noch deutlich zweistellig. Wann profitieren auch die Arbeitnehmer?
Die Unterschiede sind von Land zu Land gross. In Spanien finden viele ungelernte Kräfte, die früher am Bau gearbeitet haben, keinen Job. Umschulungen sind teuer und langwierig. In Frankreich hingegen ist die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen sehr hoch. Deutschland ist eines der wenigen Länder, in denen die Löhne steigen.

Wo lauern Gefahren für die Wirtschaft?
Kurzfristig sehe ich in Europa nur geringe Risiken. Aber Italien ist in einer schlechten Verfassung. Dort gab es im Gegensatz zu Staaten wie Irland, Spanien oder Portugal kaum strukturelle Reformen. Dabei hat die Wirtschaft dort viel aufzuholen. Aktuell ist völlig unklar, wie das Land zu Wachstum zurückkehren kann.

Ist Italien die Achillesferse der Euro-Zone?
Italiens Banken sind sehr schlecht kapitalisiert. Das wird umso schlimmer, je schlechter die Konjunktur läuft. Es muss viel mehr geschehen: Faule Kredite müssen abgeschrieben werden. Das würde allerdings mehr Konkurse von Firmen nach sich ziehen und die Krise kurzfristig verschärfen, bevor es wieder aufwärts geht.

Kann sich das Land einen neuen Abschwung überhaupt leisten?
Die Investoren an den Finanzmärkten schauen schon genau hin. Werden Kredite abgeschrieben, um Italiens Finanzsystem zu sanieren, wird das womöglich sogar als positives Signal gewertet – nach dem Motto: Nun passiert endlich etwas. Dann könnte auch das Vertrauen in die Wirtschaft und die Bonität des Landes wieder steigen.

Griechenland hat sich kürzlich mit den Geldgebern geeinigt. Geht es dort wieder aufwärts?
Es ist schwierig, die wirtschaftlichen Daten Griechenlands aus der Ferne zu beurteilen. Das liegt auch daran, dass viele Zahlen – etwa das strukturelle Haushaltsdefizit – sehr politisch und kurzfristig beeinflussbar sind. Aber es scheint, als sei die wirtschaftliche Talsohle inzwischen wieder erreicht. Nun steht die Urlaubssaison an: Da kann Griechenland doppelt profitieren, weil viele Urlauber Destinationen wie die Türkei oder Nordafrika meiden.

Athen setzt auf einen Rekordansturm an Touristen in diesem Jahr. Kann ein Boom im wichtigsten Wirtschaftssektor den Rest des Landes mitreissen?
Nein, dazu wird es nicht reichen. Aber natürlich kann eine erfolgreiche Tourismus-Saison positiv zum Bruttoinlandprodukt beitragen und so die Wirtschaft im Sommer stabilisieren. Die letzten Daten deuten ja darauf hin, dass Griechenland im Winter-Halbjahr wieder in eine Rezession gerutscht ist.

* Clemens Fuest ist seit April 2016 Präsident des renommierten Ifo-Instituts in München. Der 48-Jährige gehört zu den einflussreichsten Ökonomen im deutschsprachigen Raum. Fuest war zuvor Präsident des ZEW in Mannheim und hat unter anderem in Oxford unterrichtet. Ausserdem ist er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des deutschen Finanzministeriums.

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