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Entwicklung
Im Wachstumswunderland Polen ist der Boom in Gefahr

Blick auf Warschau: Die Entwicklung gerät ins Stocken. Keystone

Polen gilt als das wirtschaftliche Musterland Mitteleuropas. Doch nun stösst das bisherige Wachstumsrezept an Grenzen. Das Land muss sich neu erfinden – sonst riskiert es, abgehängt zu werden.

Von Anne Kunz («Die Welt»)
am 13.05.2015

Es läuft gut für Tomasz Czechowicz, und das sieht man ihm an. Der Unternehmer steht in seinem schicken Büro im 29. Stockwerk des Bürohauses Rondo 1-B, nach dem Kulturpalast und dem Trade Tower der drittgrösste Wolkenkratzer Warschaus. Czechowicz ist braun gebrannt, neben dem aufgeklappten Laptop liegt ein roter Schlüssel auf dem Tisch. Das Ferrari-Cabrio soll bei schönem Wetter doch nicht in der Garage bleiben, sagt er. Den Eindruck eines protzigen Neureichen will er trotzdem nicht erwecken: Er habe auch einen Audi.

Czechowicz ist 45 Jahre alt und ein Mann der ersten Stunde. Direkt nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gründete der Sohn eines Informatik-Professors 1990 in Breslau sein erstes Unternehmen. Das vertrieb Rechner, Programme und Zubehör und stieg zu einer der bedeutendsten polnischen Computerfirmen auf.

Den Kapitalismus verstanden

1998 zeigte Czechowicz erneut, dass er den Kapitalismus verstanden hatte. Er gründete das Beteiligungsunternehmen MCI, das in Technologiefirmen investiert. «Wir sind das Rocket Internet Polens. So wollen wir jedenfalls gesehen werden», sagt er. Über die Jahre ist MCI stetig gewachsen, nun engagiert sich Czechowicz auch in Deutschland.

Er ist am Berliner Internetauktionshaus Auctionata und am Lieferdienst windeln.de beteiligt, dessen Börsengang diese Woche ziemlich in die Hosen ging. Von weiteren Auslandsinvestments wird ihn das nicht abhalten. Der Internetunternehmer ist innerhalb Polens an Grenzen gestossen – es gibt hier zu wenig junge, aufstrebende Firmen.

Grosses Problem für Deutschlands Nachbarn

Das ist für Deutschlands Nachbarland ein grosses Problem. Seit Mitte der 90er-Jahre ging es zwar fast ungebremst aufwärts, selbst durch die Finanzkrise 2008 ist Polens Wirtschaft relativ unbeschadet gekommen. Gemessen am kaufkraftbereinigten Pro-Kopf-Einkommen haben die Polen inzwischen das Niveau von Griechenland oder Ungarn erreicht – zwei traditionell deutlich wohlhabenderen Länder.

Doch nun droht der Stillstand – oder sogar ein Rückschritt. Das Land leidet an immer noch verkrusteten Strukturen. Nur zaghaft hat die liberal-konservative Regierung in den vergangenen sieben Jahren noch Reformen durchgesetzt, etwa eine Heraufsetzung des Rentenalters von 65 auf 67 Jahre oder die Kürzung zahlreicher Sozialleistungen. Und diese Erleichterungen für die Wirtschaft will der nationalpopulistische Präsidentschaftskandidat Andrzej Duda zurückdrehen.

Arbeitskräfte gut ausgebildet und zuverlässig

Die politische Situation in Polen ist, anders als in Ländern wie Ungarn, seit Jahren sehr stabil und berechenbar. Milliarden sind in den Ausbau der Infrastruktur geflossen, viele Arbeitskräfte sind sehr gut ausgebildet und zuverlässig, die Korruption ist so niedrig wie in kaum einem anderen osteuropäischen Land. Im «Corruption Perceptions Index« von Transparency International steht Polen besser da als Griechenland, Israel, Taiwan oder auch Spanien.

Vor allem profitiert das Land von den guten Beziehungen zu Deutschland, dem mit Abstand wichtigsten Geschäftspartner. Waren und Dienstleistungen im Wert von 88 Milliarden Euro hat Polen im vergangenen Jahr mit Deutschland gehandelt. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die polnische Wirtschaft im Wesentlichen Werkbank des Westens ist, und zwar gerade Deutschlands.

Konzerne wie Volkswagen in Polen

Grosse Konzerne wie Volkswagen haben Werke in Polen, Automobilzulieferer wie Bosch oder der Chemieriese BASF produzieren ebenfalls. Polen ist einer der grössten Standorte für die Fertigung von Kühlschränken und Waschmaschinen. Insgesamt 6000 deutsche Unternehmen sind dort ansässig. So gross ist die Abhängigkeit, dass die polnischen Exporte nach Deutschland stocken, sobald die deutschen Ausfuhren nach China mal nicht so gut laufen.

Doch diese Struktur ist nicht zu halten. Denn allmählich sind die Löhne so stark gestiegen, dass sich die Verlagerung aus Deutschland kaum noch lohnt. Seit 2000 haben sich die Arbeitskosten in Polen verdoppelt. Sie sind zwar immer noch günstiger als im Durchschnitt der Währungsunion, aber doch deutlich teurer als in Rumänien, Ungarn oder Bulgarien. Arbeitsintensive Fertigungszweige, etwa die Herstellung von Kabelbäumen, sind daher in diese Länder abgewandert.

Grosszügiger Einsatz von EU-Fördergeldern

Für Polen spricht weiter die räumliche Nähe zur deutschen Automobilindustrie. Und der grosszügige Einsatz von EU-Fördergeldern: Von 2007 bis 2013 sind 70 Milliarden Euro aus Brüssel nach Warschau geflossen. Das meiste davon wurde in Autobahnen, Abwasseranlagen und Häfen gesteckt – und hat die inländische Nachfrage getrieben. Etwa die Hälfte des Wachstums geht auf dieses EU-finanzierte Konjunkturprogramm zurück. Das kann nicht ewig so weiter gehen.

Polen muss eigenständig werden, muss neu definieren, wofür es steht und seine Wirtschaft umbauen. Dass eine eigene Handschrift fehlt, spiegelt sich sogar im Strassenbild Warschaus. Es ist gezeichnet von der Zerstörung der Weltkriege, dem Kommunismus – und dem sich ausbreitenden Wohlstand.

Eindrucksvoll, aber kühl

Die Gebäude in der Innenstadt sind eindrucksvoll, aber kühl. Etwa der Y-förmige Bau des Statistischen Amtes, neben dem ein Tennisplatz für die Belegschaft liegt. Über dem kleinen Park daneben thront ein Denkmal für die Flieger des Zweiten Weltkriegs.

Krzysztof Kalicki kann von seinem Büro auf das Denkmal blicken. Aus der Nähe hat er es aber noch nie gesehen. Die Strasse zwischen dem Hochhaus, in dem der Landeschef der Deutschen Bank arbeitet, und dem Park ist so breit, dass man sie zu Fuss nicht überqueren kann.

Jüngere Geschichte Polens

Kalicki kann viel über die jüngere Geschichte Polens berichten. Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs durfte er in Kiel forschen. Seine Doktorarbeit über Schattenwirtschaft und Inflation im Sozialismus war gerade frisch gedruckt, da stürzte das Sowjetsystem. Wer wie er zumindest theoretisch etwas von Marktwirtschaft verstand, war auf einmal sehr gefragt. Als Mitarbeiter des Finanzministeriums platzierte Kalicki die ersten polnischen Staatsanleihen am Markt und half bei der Entstaatlichung der Banken. Dann wechselte er in die Privatwirtschaft.

Seit 2003 leitet er die Deutsche Bank in Polen. An den Wochenenden unterrichtet Kalicki weiter an einer privaten Wirtschaftshochschule, er wurde zum «Banker of the Year« gekürt und zählt zu den politisch einflussreichsten Persönlichkeiten.

«Damit Polen sein rasantes Wachstum der vergangenen Jahre fortsetzen kann, muss es weitere Reformen geben«, sagt er. Die Staatsunternehmen müssten privatisiert oder geschlossen werden. Sowohl die Fluglinie Lot als auch die staatlichen Bergbaugesellschaften schreiben Verluste. «Doch viele Menschen sind nach den Zeiten des Umbruchs reformmüde und wollen nicht mehr so viele Veränderungen.»

50 Millionen Euro auf Kosten des Steuerzahlers

Und diese Menschen haben eine laute Stimme. Mit heftigen Protesten verhinderten die polnischen Bergleute Anfang des Jahres, dass die Regierung Bergwerke schliesst. Auch Entlassungen müssen die zehntausenden Beschäftigten vorerst nicht mehr fürchten. Dabei machen sie teilweise hohe Verluste, weil immer tiefer gebohrt werden muss. 50 Millionen Euro monatlich kosten sie wohl die Steuerzahler.

Auch die Elite versteht es, sich gegenüber der Politik durchzusetzen. Ein Beispiel dafür sind die Immobilienkredite in Schweizer Franken, die vor allem wohlhabende Polen aufgenommen haben – darunter Politiker, Beamte und Journalisten. Jahrelang haben sie davon profitiert, dass die Zinsen in der Schweiz deutlich niedriger als in Polen waren.

Aufgrund der Aufwertung des Franken seit Januar sind diese Kredite nun teurer für sie geworden – ein normales Marktrisiko. Dennoch machen sie sich dafür stark, dass ihre Verluste von einem staatlichen Rettungsfonds aufgefangen werden, sobald der Franken noch weiter steigt. Und sie haben gute Chancen, damit durchzukommen.

Aufbruchstimmung in der Szene

Neben dieser alten, verkrusteten Schicht existiert aber auch eine Szene, in der Aufbruchsstimmung herrscht. Zu ihr zählt Oliver Burrak, ein ehemaliger Versicherungsmanager, der 2013 nach Polen ging, um dort Unternehmer zu werden. «Warschau entwickelt sich rasant, alle grossen Handelsketten und Marken sind hier mittlerweile vertreten», sagt Burrak. Und sie machen Werbung – woran er verdient.

Burrak entwickelt Werbetürme, Stadion- und Fassadenschriften, sein Bruder Alexander leitet Maas&Roos, ein deutsches Traditionsunternehmen für Leuchtreklame. Eine grosse Chance sieht Burrak im polnischen Mittelstand. In Polen gibt es viele kleine und mittelgrosse Unternehmen, sie erwirtschaften fast jeden zweiten Złoty des Bruttoinlandsprodukts.

Ausserhalb des Landes haben vor allem die Bus- und Zughersteller Pesa und Solaris Fuss gefasst. Solaris-Busse fahren in 28 Ländern Europas und des Nahen Ostens. Auch in Deutschland setzen sie mehr als 100 Städte im Nahverkehr ein, darunter Berlin Kassel, Bremen und Düsseldorf. Zuletzt beauftragte Leipzig Solaris, seine veralteten Strassenbahnen durch sogenannte Traminos zu ersetzen.

Expansion nach Westeuropa

Und auch das polnische Textilunternehmen LPP ist auf Expansion nach Westeuropa. Derzeit eröffnet deren Modekette Reserved bundesweit Filialen. Sie setzt auf eher niedrige Preise und macht damit der irischen Kette Primark Konkurrenz. Im IT-Sektor sind die Polen ebenfalls stark, vor allem in der Computerspielbranche.

Doch nicht zuletzt das Fehlen von Arbeitskräften erschwert den Wandel. Die Geburtenrate liegt in Polen mit 1,3 Kindern pro Frau noch unter der deutschen.
Und dann kommt noch die Abwanderung hinzu. Netto lag sie zuletzt bei 73.000 Personen – allein nach Deutschland, allein im Jahr 2014.

Weitere Lohnsteigerungen nicht mehr drin

Das liegt auch an dem wesentlich höheren Lohnniveau in Deutschland. Doch weitere Steigerungen in Polen sind, bei einem monatlichen Durchschnittsgehalt von knapp über 1000 Euro, womöglich nicht mehr drin. «Starker Kündigungsschutz, das niedrige Rentenalter, und vor allem die immer noch relativ hohe Immobilität der Arbeitnehmer machen Polen zu schaffen«, klagt Michael Kern von der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer.

Auch Rainer Pauly, der für die Personalberatung Deiniger in Warschau tätig ist, kennt die Probleme. «Familie und Freunde sind den Polen sehr wichtig – wichtiger als ihre Arbeit«, sagt er. Die Kinderbetreuung sei sehr schlecht ausgebaut und verhältnismässig teuer, das mache es gerade für Frauen auf dem Arbeitsmarkt sehr schwer. «Auch deswegen müssen die Grosseltern vor Ort sein, um sich um die Kinder zu kümmern.»

Starke Abhängigkeit von der EU

Zum Demografieproblem kommt die starke Abhängigkeit von der EU. Bis 2020 sind mehr als 80 Milliarden Euro für Polen eingeplant. Mit den Geldern soll der Ausbau der Schienen- und Breitbandnetze finanziert werden. Ein richtiger Schritt: «So sollen Innovationen in Polen gestärkt werden», sagt Kammer-Experte Kern.

Das Land könnte damit zu den Industrienationen aufschliessen und die Wachstumswand, auf die es zusteuert, überwinden. Doch zugleich hängt es weiterhin am Tropf der EU. In Polen gehen die Meinungen weit auseinander, ob dies der richtige Weg ist.

Tomasz Czechowicz führt diese Debatte fast täglich. Gerade hat er zwei Tage nur mit Meetings und Vorträgen verbracht, die sich um die Frage drehten, wie Innovationen in Polen gefördert werden sollten. Er zieht die Augenbrauen hoch. Die Hoffnungen seien verfrüht. Das Land werde noch einige Jahre verlängerte Werkbank bleiben, meint er. Denn der Wandel sei nicht nur eine Frage der Zeit, sondern auch der Einstellung: Innovationen kann man nicht diktieren.

Dieser Text ist mit dem Titel «Wachstum: Polen droht am EU-Tropf hängen zu bleiben» zuerst in unserer Schwester-Publikation «Die Welt» erschienen. 
 

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