Der Internationale Währungsfonds (IWF) nahm seine Wachstumsprognosen für die Industrieländer auf breiter Front zurück. Auch für die Schweiz liegen die Prognosen tiefer: Für 2011 erwartet der IWF ein Wachstum von 2,1 Prozent (statt 2,4 Prozent) und für 2012 von 1,4 Prozent (nach 1,8 Prozent).

Der IWF warnte allgemein vor einem zu scharfen Sparen zulasten des Wachstums. Länder wie Deutschland sollten gegebenenfalls über Lockerungen nachdenken. Die Politik müsse schnell und koordiniert handeln, um kein «verlorenes Jahrzehnt» zu riskieren.

Für die Weltwirtschaft rechnet der Fonds nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von jeweils vier Prozent in diesem und dem nächsten Jahr. Das sind 0,3 Prozentpunkte weniger als in der Juni-Schätzung für 2011 und ein halber Prozentpunkt weniger für 2012.

Die US-Wirtschaft wird laut IWF in diesem Jahr mit 1,5 Prozent einen glatten Prozentpunkt langsamer wachsen als bislang erwartet und auch im nächsten Jahr dürften es nur 1,8 Prozent Zuwachs werden - nach bisher erwarteten 2,7 Prozent.

Für Deutschland rechnet der Fonds im laufenden Jahr mit 2,7 Prozent mehr Wirtschaftsleistung - ein halber Prozentpunkt weniger als im Juni erwartet - und im kommenden Jahr mit einem Plus von 1,3 Prozent nach bislang erwarteten 2,0 Prozent. Das angeschlagene Italien, dass gerade erst eine Rating-Abwertung hinnehmen musste, dürfte laut IWF mit 0,6 Prozent in 2011 und 0,3 Prozent in 2012 kaum noch wachsen - wobei die Schätzung für das kommende Jahr um einen Prozentpunkt reduziert wurde.

Entwicklungsländer nicht betroffen

Während das Wirtschaftswachstum in den grossen Industrieländern nach Einschätzung des Fonds mit nur noch 1,6 Prozent in diesem und 1,9 Prozent im nächsten Jahr unterdurchschnittlich ausfallen wird, bleiben die Schwellen- und Entwicklungsländer von der aktuellen Krise bislang weitgehend unbeeindruckt. Für sie sagt der Fonds Zuwächse von 6,4 Prozent 2011 und 6,1 Prozent 2012 voraus. Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft bleibe China mit einem Plus von 9,5 Prozent in diesem und 9,0 Prozent im kommenden Jahr.

Dem IWF zufolge lasten vor allem zwei Entwicklungen auf der globalen Wirtschaft: Die Verlangsamung des Wachstum in den Industrieländern, die auch der Fonds selbst unterschätzt habe, sowie die massiv gestiegenen finanzwirtschaftlichen Unsicherheiten in letzter Zeit.

Besorgnis erregend genug

«Beide dieser Entwicklungen wären für sich allein schon Besorgnis erregend», erklärte der Fonds. Zusammengenommen und sich gegenseitig beeinflussend sei das noch beunruhigender. «Es bedarf dringend einer entschlossene Politik, um den Ausblick zu verbessern und die Risiken zu mindern.»

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Hinzu komme, dass das Problem der internen und externen wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Welt wieder grösser werden dürfte. Deshalb müssten Länder mit starken Defiziten in der Leistungsbilanz - wie die USA - mehr für den Export tun, während solche mit grossen Überschüssen - wie China und Deutschland - ihre Binnennachfrage stärken sollten.

Zugleich habe der Zweifel an den Märkten zugenommen, dass es die Politik in der Euro-Zone sowie in den USA und in Japan schafft, die Schuldenprobleme in den Griff zu bekommen. Die Zweifel an der Finanzstabilität von Staaten und Regionen hätten auch grosse Unsicherheiten über die Banken ausgelöst. Das dämpfe das Wachstum, was es wiederum erschwere, den Schuldenproblemen zu begegnen. Der Fonds empfiehlt, alles zu tun, um die Banken zu stärken, notfalls mit Mitteln aus dem europäischen Rettungsfonds.

Kontrolle entgleitet

Der IWF konstatiert, dass die Krise in der Euro-Zone inzwischen schon der Kontrolle der Regierungen entgleitet, auch wenn die beim Euro-Gipfel am 21. Juli entschiedene Schritte beschlossen hätten. Es komme nun darauf an, diese Beschlüsse schnell umzusetzen. Zugleich müsse die Europäische Zentralbank weiter entschieden handeln, um die Anleihe-Märkte in geordneten Bahnen zu halten.

Wenn nötig sollte die EZB ihren Leitzins senken, wenn die Abwärtsrisiken für das Wachstum anhalten. Den USA empfahl der Fonds, ihre politischen Spannungen zu überwinden und eine glaubwürdige Strategie zur mittelfristigen Schuldenrückführung zu erarbeiten. Deutschland will, wie es in Regierungskreisen hiess, an seinem straffen Sanierungskurs aber festhalten und sieht Appelle, dem Wachstum stärkere Impulse zu geben, als «wenig hilfreich» an.

(rcv/kgh/sda)