Eigentlich war erwartet worden, dass entweder der Franzose Benoît Coeuré oder der Deutsche Jörg Asmussen neuer Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Notenbank wird. Bislang besetzte Deutschland diesen Posten seit dem Start der Währungsunion.

Die grösste Volkswirtschaft der Euro-Zone wird damit entschädigt, dass Ex-Finanzstaatssekretär Asmussen künftig unter anderem einen Grossteil der Aussenbeziehungen der EZB steuern wird - etwa die Beziehungen zum EcoFin, zur Euro-Gruppe und zu den G20. Bei den wichtigen internationalen Institutionen wird also künftig ein Deutscher EZB-Präsident Draghi vertreten.

Asmussen zufrieden

Bislang war dies dem Vizepräsidenten, dem Portugiesen Vítor Constâncio vorbehalten. Der Bild-Zeitung (Mittwochausgabe) sagte Asmussen, er sei zufrieden. «Gemeinsam mit EZB-Präsident Draghi werde ich mich um das kurzfristige Krisenmanagement und die langfristige Ausgestaltung der Euro-Stabilitätsunion kümmern.»

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Der Franzose Coeuré übernimmt unter anderem die Abteilung Marktoperationen vom im Frühjahr turnusmässig ausscheidenden Spanier Jose Manuel Gonzalez Paramo. Die Abteilung koordiniert neben den regulären Refinanzierungsgeschäften mit den Banken auch die höchst umstrittenen Staatsanleihenkäufe der EZB.

Die Entscheidung, wie viele Bonds die EZB kauft, fällt aber im EZB-Rat und Direktorium. Coeuré gilt als Befürworter ausgedehnterer Bondkäufe durch die Zentralbank.

Personalspiele

Der 62 Jahrer alte promovierte Ökonom Praet ist seit Juni bei der EZB und war nach Stationen im Finanzministerium, beim Internationalen Währungsfonds (IWF) und in der Wissenschaft zuletzt bei der Zentralbank seines Heimatlandes. Coeuré, bisher Chefvolkswirt im Pariser Finanzministerium, und Ex-Finanzstaatssekretär Asmussen sind seit dem Jahreswechsel Mitglieder des obersten Führungsgremiums der Notenbank.

Sie ersetzen den bisherigen Chefökonomen Jürgen Stark, der im September den Posten aus Protest gegen die Staatsanleihenkäufe geräumt hatte, und den Italiener Lorenzo Bini Smaghi, der wegen des polit-geographischen Proporzes von Italien und Frankreich aus der EZB herausgedrängt worden war und nun an die US-Eliteuniversität Harvard wechselt.

Das sechs Personen starke EZB-Direktorium leitet das Tagesgeschäft der Notenbank. Es besteht aus dem Präsidenten Mario Draghi, seinem Vize Vítor Constâncio und vier weiteren Mitgliedern - neben Coeuré und Asmussen noch dem Spanier José Manuel Gonzalez-Paramo und dem Belgier Praet. Die Amtszeit aller Mitglieder beträgt acht Jahre und ist nicht verlängerbar.

Einem ungeschriebenen Gesetz zufolge sind die grössten Euro-Länder, also Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien stets mit einem Sitz vertreten. Allerdings haben zuletzt einige kleinere Länder dies in Frage gestellt. Ihre nächste Chance käme im Frühjahr: Ende Mai läuft der Vertrag von Gonzalez Paramo turnusmässig aus. Der Spanier ist bislang für das Ressort Finanzmärkte zuständig.

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Politische Ränke

Das Direktorium war in der Vergangenheit immer wieder ein Spielfeld politischer Interessen. So musste etwa der erste Präsident der EZB, der Niederländer Wim Duisenberg, bereits nach vier Jahren seinen Platz für den Franzosen Jean-Claude Trichet räumen, weil Frankreich den Posten beanspruchte, da umgekehrt Deutschland den Zuschlag bei der Frage des Sitzes der EZB - eben Frankfurt - bekommen hatte.

(laf/sda)