In Kosovo wächst die Wirtschaft mit 4 bis 5 Prozent. Dennoch lebt ein Drittel der ­Menschen unter der Armutsgrenze. Droht die soziale Katastrophe?
Agron Demi: Die Situation ist untragbar. Die hohe Arbeitslosigkeit ist eine Gefahr für die Gesellschaft. Wir wissen nicht, wo unsere Stärken liegen. Die Regierung hat keine wirtschaftspolitische Strategie. Es gibt lediglich unverbindliche Absichts­erklärungen. Man hätte gerne ein Wirtschaftswachstum von 7 bis 8 Prozent. Aber man sagt nicht, wie das zu realisieren ist.

Wo könnte Kosovo Perspektiven haben?
Oft heisst es, IT sei Kosovos Chance. Ich bin mir da nicht so sicher. Wir haben eine junge Bevölkerung, die Internet-­Verbreitung ist extrem hoch. Aber bislang wurde das Internet vor allem für die Kommunikation mit der Diaspora im Ausland verwendet, via Skype und Facebook. Damit lässt sich aber kein Geld verdienen.

Die Verbindung zur Diaspora ist aber für einen Grossteil der Bevölkerung die wichtigste Einnahmequelle.
Die Diaspora überweist jedes Jahr eine halbe Milliarde Euro. Aber wofür wird das Geld verwendet? Meist für Hausbau und Konsum, nicht für produktive Zwecke. Die Regierung ist gescheitert, die Diaspora zum Investieren zu bringen.

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Es ist doch gut, wenn Geld ins Land kommt.
Das Problem ist, dass es den Anreiz zum Arbeiten nimmt. Wer arbeitet noch für 200 Euro, wenn er 500 Euro im Monat von seinem Bruder aus der Schweiz bekommt?

Warum sind ausländische Investoren so zögerlich?
Das liegt an der Rechtsunsicherheit und der Korruption, die Investoren verärgert. Hinzu kommt, dass die Wettbewerbsbedingungen nicht fair sind. In den Nachbarländern werden Landwirte unterstützt, bei uns nicht. Selbst Albanien bremst Kartoffelimporte aus Kosovo. Das ist kein fairer Wettkampf. Die Regierung muss wirtschaftspolitisch aktiver werden.

Die Regierung ist der mit Abstand wichtigste Auftrag- und Arbeitgeber. Gibt sie nicht genug Impulse?
In der Tat. Ein Viertel der kosovarischen Beschäftigten arbeitet beim Staat, und die Autobahn von der albanischen Grenze nach Pristina ist das grösste Bauprojekt. Es kostet über drei Jahre lang 300 Millionen Euro pro Jahr. Dabei ha-ben ­Studien gezeigt, dass sich die Autobahn gar nicht rechnet. Frühestens 2022 dürfte sie ausgelastet sein. Das Geld wäre im Energiesektor viel besser angelegt gewesen.

Kosovo hat die fünftgrössten Braunkohle-Reserven der Welt. Wäre das etwas, mit dem man punkten könnte?
Ich glaube, im Energiesektor wird sich die Zukunft von Kosovo entscheiden. Aber ich setze nicht auf die Braunkohle. Die Regierung und die Weltbank planen ein neues riesiges Kohlekraftwerk als Ersatz für das 50 Jahre alte Werk «Kosovo A». Aber die Gefahr ist gross, dass die Regierung dafür Milliarden ausgibt, welche sich später als Fehlinvestition entpuppen könnten. Dabei könnte man 60 Prozent des kosovarischen Strombedarfs durch bessere Isolierung der Häuser und kleinere Solar- und Windkraftwerke decken. Die Regierung blockiert das zwar noch, aber grundsätzlich ist das Potenzial hier gross, vor allem auch für ausländische ­Investoren.