Der Entscheid von Zentralbank-Chef Mario Draghi schwächt unmittelbar den Wechselkurs zum Dollar und beflügelt damit die europäischen Börsen. Das Billionen-Euro-Programm entzweit Ökonomen und Politiker, doch in einer Forderung sind sich alle einig.

Der renommierte Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman schreibt in seinem Blog: «Gute Arbeit Herr Draghi, aber es braucht viel mehr als das um die Situation zu retten.»

Zu wenig um die Wirtschaft anzukurbeln

Ähnlich äussert sich der amerikanische Ökonom Nouriel Roubini in einem Interview mit CNN. «Die Quantitative Lockerung alleine ist, wie es bereits Mario Draghi gesagt hat, zu wenig um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln», gibt Roubini zu bedenken. «Klar ist aber, dass Europa nur weiterkommt, wenn endlich ernsthafte strukturelle Reformen angegangen werden», sagt auch der Schweizer Finanzwissenschaftler Reiner Eichenberger.

Sogar Frankreichs Staatschef François Hollande warnt vor drohender Reformmüdigkeit. In seiner Rede am Weltwirtschaftsforum betont er, das Festhalten Frankreichs an Reformen. «Es wäre zu einfach zu sagen: Weil die Europäische Zentralbank für Liquidität sorgt und das Wachstum fördert, müssen wir nichts mehr machen», so Hollande.

Anzeige

Der französische EU-Währungskommissar Pierre Moscovici begrüsst das Programm dagegen ohne Einschränkungen: Es handle sich um ein wichtiges Programm, das der «niedrigen Inflation» und dem «schwachen Wachstum» in der Währungsunion Rechnung trage. Es gebe Risiken durch eine Deflation. «Sie ist noch nicht da, aber es ist besser, sie zu verhindern.»

Kritische Stimmen in Deutschland

Gegner sehen indes eine Verletzung der EU-Verträge und warnen vor übermässiger Inflation. «Im Grunde wird der Staatshaushalt mit der Druckerpresse finanziert», geht der deutsche Ökonom Hans Werner Senn hart ins Gericht mit der Zentralbank. Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnt in ihrer WEF-Ansprache, «dass die eigentlichen Wachstumsimpulse durch vernünftige Rahmenbedingungen durch die Politik gesetzt werden müssen und auch gesetzt werden können.»

Deutlichere Worte findet AfD-Chef Bernd Lucke und spricht von «einer Art Verzweiflungstat» der EZB. Ebenfalls kritisch sind die Stimmen von verschiedenen Wirtschaftsverbänden. «Die EZB ist zum Gefangenen der eigenen Ankündigungen geworden», kommentiert der Leiter des Deutschen Dachverbandes für Industrie und Handel, Martin Wansleben.

«Letztes Pulver verschossen»

Auch die deutschen Banken und Versicherungen reagieren kritisch. «Der Schritt der EZB ist eine Zumutung», sagt etwa Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft.

Zurückhaltend äussert man sich auch in Österreich: «Man muss sich bewusst sein, wir haben eigentlich jetzt mehr oder weniger unser letztes Pulver verschossen und da soll man meines Erachtens immer sehr vorsichtig sein», so Notenbankchef Ewald Nowotny. «Ich persönlich hätte eigentlich vorgeschlagen, dieses Programm zwar anzudenken, aber doch etwas zu warten, ob man es wirklich braucht.»

Anzeige

(mit Agenturen)