Die Europäische Zentralbank (EZB) hat sich am grundsätzlich bereit gezeigt, Staatsanleihen kriselnder Euroländer zu kaufen. EZB-Chef Mario Draghi betonte nach einer Sitzung des EZB-Rates erneut die Entschlossenheit der Zentralbank im Kampf gegen die Schuldenkrise. «Der Euro ist irreversibel», sagte er. Die EZB sei grundsätzlich zu weiteren Stützungsmassnahmen für kriselnde Eurostaaten bereit.

Keine konkreten Schritte

Draghi dämpfte aber zugleich die Erwartung an ein baldiges Handeln: Er nannte keine konkreten Schritte. Massnahmen wie der Kauf von Staatsanleihen würden «in den kommenden Wochen diskutiert».

Um die Lage zu entspannen, müssten die Regierungen für ein Eingreifen der Euro-Rettungsfonds EFSF und ESM an den Anleihemärkten bereitstehen, sagte Draghi. Die EZB könnte sich an Stützungskäufen im Rahmen ihres Mandats beteiligen - «in einem Umfang, der ausreicht, das Ziel zu erreichen», wie Draghi ausführte.

Der Entscheid der EZB für stärkeres Eingreifen im Kampf gegen die Schuldenkrise fiel nicht einstimmig - ein Mitglied des 23-köpfigen EZB-Rats stimmte dagegen. Widerstand kam offenbar aus Deutschland: Es sei bekannt, dass der Präsident der deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, Vorbehalte gegen derartige Massnahmen habe, sagte Draghi.

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Börsen auf Talfahrt

Im Vorfeld war erwartet worden, dass sich Draghi über konkrete mögliche Hilfen der EZB für Euro-Staaten in der Schuldenkrise äussert. Seit Tagen hatten Spekulationen die Runde gemacht, wonach die EZB Anleihen von Euro-Krisenstaaten aufkaufen könnte, um deren Zinsniveau zu drücken.

Draghi hatte diese Erwartungen selbst geschürt. «Die EZB wird im Rahmen ihres Mandats alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten. Und glauben Sie mir - es wird ausreichen», hatte der Italiener vor einer Woche in London gesagt. Sollten hohe Risikoaufschläge für Staatsanleihen von Krisenländern die Wirkung der Geldpolitik stören, «fällt das in unser Mandat».

Mit seinen Äusserungen heute enttäuschte Draghi die Anleger an den europäischen Börsen nun. Der spanische und der italienische Leitindex stürzte zeitweise um 5 Prozent ab. Der deutsche Dax büsste vorübergehend über 3 Prozent ein. Der Swiss Market Index sank um 1 Prozent, blieb aber im Plus. Der Euro büsste gegenüber dem Dollar seine Gewinne vom Vormittag wieder ein. Zudem stiegen die Renditen spanischer und italienischer Anleihen wieder deutlich an.

Leitzins unverändert

Falls die EZB die Staatspapiere kaufen würde, bekämen die Krisenländer etwas Luft: Die Zinsen würden zumindest kurzfristig sinken und die Haushalte der betroffenen Länder entlasten. Allerdings würde der Kauf zu einer Ausweitung der Geldmenge führen und damit die Inflationsgefahr erhöhen.

Wie die EZB weiter bekannt gab, belässt sie den Leitzins für die Euro-Zone bei 0,75 Prozent. Der Zinssatz, zu dem sich Banken bei der Zentralbank mit Geld versorgen können, war erst Anfang Juni auf das tiefste Niveau seit der Einführung des Euro gesenkt worden. Deshalb hatten Ökonomen trotz der zuletzt eskalierenden Schuldenkrise nicht mit einem weiteren Zinsschritt gerechnet.

Auch die beiden anderen Leitzinssätze bleiben gleich. Die sogenannte Spitzenrefinanzierungsfazilität liegt bei 1,50 Prozent, die Einlagefazilität bei 0 Prozent.

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(tno/sda)