Der Mann, der im Jugendcamp auf der norwegischen Insel Utøya ein Blutbad angerichtet hat, hat seine Opfer regelrecht angelockt: Er habe sie gebeten, näherzukommen und habe anschliessend das Feuer eröffnet, berichteten die Überlebenden, die nach dem Massaker in das Dorf Sundvollen gebracht worden waren. Der Täter hatte sich als Polizist verkleidet.

Viele der Überlebenden, die Mitglieder der Jugendgruppe der sozialdemokratischen Arbeiterpartei sind, wirken äusserlich ruhig, als sie in Sundvollen von ihren Eltern abgeholt werden. Doch die Erlebnisse, von denen sie erzählen, zeugen von Momenten des Grauens.

Der Schütze habe zwei Mal auf seine Opfer geschossen, um sicherzugehen, dass sie tot seien, sagt einer der Überlebenden, Dana Berzingi, als er mit blutverschmierter Hose darauf wartet, nach Hause zu kommen.

Hinter Felsen versteckt

Einige der Opfer hätten auch vergeblich versucht, sich tot zu stellen, ihnen sei aber in den Kopf geschossen worden. «Ich habe viele Freunde verloren», sagt der 21-Jährige. Das Handy eines seiner toten Freunde habe er verwendet, um die Polizei zu alarmieren.

«Ich habe viele tote Menschen gesehen», erzählt auch die 15-jährige Elise, die nur wenige Meter von dem Täter entfernt stand, als dieser das Feuer eröffnete. «Erst schoss er auf Leute auf der Insel, dann begann er auf die im Wasser zu schiessen», sagt das Mädchen.

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Sie habe sich hinter einem Felsen versteckt, auf dem der Täter stand. «Ich konnte ihn atmen hören», beschreibt die 15-Jährige die schrecklichen Minuten auf der Insel. Sie habe ihre Eltern auf dem Handy angerufen und ihnen zugeflüstert, was gerade geschehe.

«Ich lag zwei Stunden unter einem Bett»

«Sie haben mir gesagt, ich soll nicht in Panik geraten, alles würde gut werden.» Sie hätten sie auch noch gewarnt, ihre helle, auffällige Jacke auszuziehen. Wie lange es gedauert habe, bis alles vorbei war, könne sie nicht sagen, erzählt Elise.

Eine weitere Jugendliche, Emilie Bersaas, floh in ein Gebäude, als sie die Schüsse hört. «Ich lag zwei Stunden unter einem Bett, bis die Polizei das Fenster einschlug», erzählt sie. «Es ist immer noch alles so unwirklich, besonders hier in Norwegen. Das ist etwas, das hier einfach nicht passieren kann.»

Niclas Tokerud blieb während der Schiesserei mit seiner Schwester per SMS in Kontakt. «Es hat Schüsse gegeben. Ich habe Angst! Aber ich verstecke mich und es geht mir gut. Ich liebe dich», habe ihr kleiner Bruder geschrieben, erzählt die 24-jährige Nadia Tokerud. Als er nach dem Massaker das Boot bestieg, das ihn von der Insel wegbrachte, schrieb er ihr noch einmal: «Ich bin in Sicherheit.»

(tno/sda)

Korrektur: Zu Beginn dieses Textes stand, dass das Massaker im Jugendcamp am Samstag geschehen ist. Der Täter verübte die Bluttat jedoch am Freitag. Wir bitten Sie, diesen Fehler zu entschuldigen.