Für sein enormes Handelsungleichgewicht muss Deutschland derzeit mächtig Prügel einstecken. Erst kritisierte das US-Finanzministerium den hohen Leistungsbilanzüberschuss. Dann eröffnete die EU in dieser Woche ein Ungleichgewichtsverfahren, weil der deutsche Überschuss schon seit 2007 ununterbrochen über der festgelegten Schwelle von 6 Prozent der Wirtschaftsleistung liegt. Mit diesem Mechanismus soll das makroökonomische Ungleichgewicht Europas wieder hergestellt werden.

In den vergangenen Jahren exportierte Deutschland regelmässig viel mehr als es importierte, bei den Ländern Südeuropas war es genau anders herum. Jetzt zeigt eine handelszeitung.ch vorliegende und noch unveröffentlichte Analyse der Raiffeisen, dass die makroökonomischen Ungleichgewichte innerhalb der Euro-Zone keineswegs so ausgeprägt sind, wie die Kritik vermuten liesse: Denn die deutsche Wirtschaft verbucht seit diesem Frühjahr gegenüber den anderen Ländern des Euroraums im Warenhandel nach Zahlen von Eurostat sogar ein leichtes Defizit – und das zum ersten Mal seit Einführung des Euro als bares Zahlungsmittel im Jahr 2002.

Griechenland, Spanien und Irland holen rasant auf

«Und rechnet man den Dienstleistungsverkehr hinzu, hat sich die Bilanz vor allem für die südlichen Länder nochmals verbessert – aufgrund der steigenden Ausgaben deutscher Touristen», sagt Raiffeisen-Ökonom Alexander Koch. Tatsächlich hat Deutschland in den vergangenen Jahren seinen gesamten – weltweit unerreicht hohen Leistungsbilanzüberschuss – gegenüber Ländern ausserhalb der Währungszone aufgebaut.

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Die neuen Daten auf Basis der EU-Statistikamts Eurostat sind ein Indiz für die zunehmende Anpassung innerhalb der Euro-Zone: Die Südländer gewinnen an Wettbewerbsfähigkeit, Deutschland büsst relativ gesehen ein. Diese Ansicht teilt auch Azad Zangana, verantwortlicher Europa-Ökonom beim Finanzhaus Schroders. «Die Randländer der Euro-Zone machen grosse Fortschritte», erklärt er gegenüber handelszeitung.ch Allein an den real effektiven Wechselkursen gemessen – grob gesagt: an der Lohnentwicklung – habe Griechenland seinen seit 2000 verzeichneten Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Deutschland inzwischen wieder aufgeholt. Allerdings halte die politische Instabilität Unternehmer noch vor neuen Investitionen zurück. Die besten Fortschritte habe Irland gemacht, auch Spanien sei auf einem sehr guten Weg, so Schroders-Experte Zangana. 

Schweizer Überschuss nur halb so hoch wie in Deutschland

Im Gegensatz zu Deutschland erntete die Schweiz bislang keine Kritik für ihre Leistungsbilanzüberschüsse – und das, obwohl die im Durchschnitt der vergangenen drei Jahre mit 11,5 Prozent der Wirtschaftsleistung beinahe doppelt so hoch ausfielen sind. In der Leistungsbilanz wird sowohl der Verkehr von Waren und Dienstleistungen als auch Erwerbs- und Vermögenseinkommen sowie laufende Übertragungen mit dem Ausland saldiert.

Der Schweizer Politik gelang es bislang jedoch, die Besonderheiten der Eidgenossenschaft herauszustreichen: Der hohe Leistungsbilanzüberschuss ist vor allem von Sonderfaktoren getrieben, die nichts mit dem im Fokus stehenen klassischen Warenexport zu tun haben, sagt Raiffeisen-Experte Koch. «Dies sind, erstens der in den letzten Jahren immer wichtiger gewordene Rohstoffhandel, zweitens die abnehmende aber weiterhin grosse Bedeutung des Finanzsektors, sowie drittens Erträge durch die hohe Nettoauslandsvermögensposition.»

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Schweiz: Handelsüberschuss nur halb so hoch wie in Deutschland

Hinzu komme eine verzerrte Erfassung von Gewinnen Schweizer multinationaler Unternehmen, die Gewinnanteile ausländischer Aktionäre der Schweiz zuordne. Nicht zuletzt trage auch der durch den starken Franken bedingte Einkaufstourismus, «der zu einer nicht unerheblichen Unterschätzung der Importe beiträgt», zum hohen Leistungsbilanzüberschuss bei.

Ein weiterer Grund, warum die Schweiz bei diesem Thema noch nicht auf dem Radar internationaler Organisationen auftaucht ist: Der reine Handel mit Waren wies im vergangenen Jahr mit einem positiven Saldo von 4,0 Prozent der Wirtschaftsleistung zwar ebenfalls einen ordentlichen Überschuss aus. Dieser ist jedoch noch immer deutlich gringer als das deutsche Plus von zuletzt rund acht Prozent.

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