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Rifkin: «Viele Geschäftsmodelle werden zerstört»

Jeremy Rifkin: «Am Anfang der dritten industriellen Revolution – und viele wissen es nicht.» Keystone

Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen Paradigma, sagt der Top-Ökonom Jeremy Rifkin. Der Vordenker erklärt die Effekte der Digitalisierung und warum wir bald nur noch fünf Stunden am Tag arbeiten.

Von Mathias Ohanian
am 06.09.2016

Sie gelten als einer der grössten Vordenker der Digitalisierung. Ihre Prognose: Nahezu jede Wirtschaftsbranche wird schon bald mit alles verändernden Kräften konfrontiert sein. Übertreiben Sie nicht ein wenig?
Jeremy Rifkin*: Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen ökonomischen Paradigma. Diese Transformation geht mit massiven Umwälzungen einher. Um die Veränderungen zu begreifen, muss man die technologischen Kräfte verstehen, die in der Vergangenheit neue Wirtschaftssysteme hervorgebracht haben. Die beiden bisherigen Paradigmen brauchten drei Kernelemente, um zu entstehen: Effiziente Kommunikationstechnologien, neue Energiequellen und ein besseres Transportwesen. Das sehen wir heute wieder.

Von welchen Paradigmen sprechen Sie?
Mit der Erfindung von Telegrafie, billiger Kohle, Dampfmaschine und der Eisenbahn wurde im 19. Jahrhundert die erste industrielle Revolution eingeläutet. Die Errungenschaften des 20. Jahrhunderts waren Telefonie, flächendeckende Elektrizität, Fernsehen und Radio, billiges Öl und mit Verbrennungsmotoren betriebene Fahrzeuge.

Und heute?
Heute stehen wir an der Schwelle zu einer dritten industriellen Revolution: Das Kommunikationsinternet geht einher mit einem Internet der erneuerbaren Energien und einem GPS-gestützten, bald fahrerlosen Transportwesen – auf Strassen und Schienen, im Wasser und in der Luft. Das alles ist eingebettet in eine Infrastruktur des Internets der Dinge, um Energie und Wirtschaftsleben zu managen. Wir stehen am Anfang der dritten industriellen Revolution – und viele Menschen wissen das nicht. Das ist aber nicht verwunderlich: Selbst 50 Jahre nach Beginn der ersten industriellen Revolution war vielen Menschen nicht bewusst, dass sie in ein neues Zeitalter eintreten würden.

Geben Sie bitte eine Kostprobe Ihrer Vision.
In der Ära des Internets der Dinge werden Sensoren in alle Geräte eingebaut – alles wird vernetzt. Konsumenten werden zu «Prosumenten». Das heisst: Die Menschen produzieren ihre erneuerbare Energie selbst – zu Grenzkosten von fast null. Sie drucken Produkte zu minimalen Kosten im 3D-Drucker aus. Die Effizienz wird massiv steigen, der Ressourcenverbrauch sinken. In der EU besitzen schon heute Tausende Haushalte und Firmen eigene Mikrokraftwerke, um Strom zu generieren. In Deutschland werden bereits 32 Prozent der Elektrizität mit Solar- oder Windenergie gewonnen - bis 2030 soll es die Hälfte sein.

Wie kommen Sie darauf, Energie werde in Zukunft nichts kosten?
Denken Sie an die Fixkosten, die bei der Installation von Solar- und Windanlagen entstehen. Diese Kosten sinken exponentiell, vergleichbar wie wir das bei der Entwicklung von Computerchips gesehen haben. 1977 kostete 1 Watt Solarenergie noch 76 Dollar. Heute sind es 50 Cent, 2017 werden es 36 Cent sein. Sind die Fixkosten erst einmal bezahlt, liegen die Grenzkosten – also die Kosten für jede neue produzierte Einheit – von Solar- und Windelektrizität nahe bei null. Sonne und Wind schreiben ihnen keine Rechnung. Die Demokratisierung der Energiegewinnung wird die Versorger und ihre Geschäftspraktiken grundlegend verändern.

Wie können dann Energiekonzerne wie Alpiq oder Axpo erfolgreich sein?
Die Aufgabe der etablierten Konzerne wird es sein, die Infrastruktur des Energieinternets auszubauen und die Dienstleistungen zu managen. Dieses Energieinternet, wie ich es nenne, wird grosse Investitionen erfordern. Die etablierten Anbieter werden ihre Kosten massiv senken. Über Sensoren und den damit gewonnenen Daten können sie Energieeffizienz und Produktivität ermitteln und die Verteilung der Energie an die Haushalte anpassen. Dieser Übergang ins neue Zeitalter wird nicht über Nacht kommen, sondern sich über die nächsten drei, vier Jahrzehnte hinziehen.

Nehmen wir einen anderen Bereich: Was steht der Autobranche bevor?
Künftige Generationen werden womöglich nie ein eigenes Auto besitzen. Junge Menschen legen weniger Wert auf Besitz, aber wollen jederzeit Zugang zu Mobilität haben – also nutzen sie Sharing-Angebote. Die Folge: Mit jedem Auto, das geteilt wird, werden 15 Fahrzeuge weniger produziert. Eine Studie der Uni Michigan zeigt, dass die Zahl der Fahrzeuge in einer mittleren US-amerikanischen Stadt um 80 Prozent sinken könnte – bei gleicher oder sogar besserer Mobilität und gleichzeitig geringeren Kosten. Mit dem Internet der Dinge ergeben sich auch für die etablierten Hersteller neue Felder: Über mit Sensoren ausgestattete Fahrzeuge bauen sie grosses Wissen über das Verkehrsaufkommen auf. Das eröffnet neue Geschäftsmodelle. Firmen wie Daimler können zu Sammelstellen des automatisierten Transportsystems und Anbieter von Mobilität- und Logistikdienstleistungen werden.

Wie gerechtfertigt ist die Sorge vieler Menschen, dass in Zukunft flächendeckend Jobs verschwinden werden?
Viele der heute noch existierenden Geschäftsmodelle werden zerstört, das ist gewiss. Gleichzeitig entstehen jedoch massenhaft neue Möglichkeiten. Der Ausbau der gesamten Infrastruktur des Internets der Dinge wird für die nächsten beiden Generationen bis 2050 sehr arbeitsintensiv sein. Es wird keinen Mangel an Arbeit geben. Ob im Transportwesen, bei der Stromversorgung oder im Bausektor: Es braucht einfache Arbeiter, Fachkräfte und hoch gebildete Spezialisten, um die Infrastruktur auszubauen. Vor allem, wenn man anfängt, die Energierevolution für Ballungsgebiete, Regionen, Länder und Kontinente zu skalieren.

Was kommt danach?
Ist die Infrastruktur erst einmal aufgebaut, laufen die intelligenten Systeme mit nur wenig Aufsichtsarbeit. Nehmen Sie die Arbeit eines Lastwagenfahrers heute: Er fährt acht Stunden am Tag von A nach B – und das jeden Tag seines Lebens. In der Zukunft werden das automatisierte und selbstfahrende Fahrzeuge tun. Viele andere monotone Jobs, denen wir heute nachgehen, werden ebenfalls automatisiert.

Wie erklären Sie den Aufstieg der Sharing Economy?
Der Kapitalismus wird in 35 Jahren noch immer eine grosse Rolle spielen, aber nicht mehr das exklusive Wirtschaftsmodell sein. Die Sharing-Ökonomie wird wachsen und Seite an Seite mit dem konventionellen Marktkapitalismus existieren. Neben Käufern und Verkäufern, Produzenten und Nutzern wird es Prosumenten geben – Millionen von Menschen, die virtuelle Güter, Energie oder Transport im aufkommenden Internet der Dinge produzieren und teilen. Die Generation der Millennials bewegt sich von Besitz zu Zugang, von Markt zu Netzwerk, von Finanzkapital zu sozialem Kapital und von Konsumdenken zu Nachhaltigkeit.

Sie halten die Menschen für Altruisten.
Ich beschreibe nur, was schon heute passiert – auch in der Schweiz. Da geht es nicht um Profitmaximierung. Die Millennials kaufen Adam Smith nicht. Smith sagte, jedes Individuum verfolge seine persönlichen Interessen und kümmere sich nicht um das öffentliche Gut. Und während man das eigene Interesse verfolgt, verbessert sich die Gesellschaft. Doch viele junge Menschen streben nicht nach so einem Modell. Millionen von ihnen bieten Talent und Dienstleistungen umsonst an, profitieren gleichzeitig von den Netzwerken, in denen sie sich bewegen, und steigern ihr soziales Kapital.

Wie erklären Sie dieses Phänomen?
Gemäss der klassischen ökonomischen Theorie müssen Unternehmer mit immer neuen Entwicklungen auf den Markt kommen oder sind günstiger als schon existierende Angebote. Demnach ist der effizienteste Markt immer dort, wo Firmen ihre Produkte fast zu Nullgrenzkosten produzieren und verkaufen. Die Ironie ist: Wir haben nie damit gerechnet, dass eine digitale Revolution die Grenzkosten in Richtung null bewegt.

Welche Auswirkung wird das auf unsere Arbeitszeit haben?
Wenn wir es richtig anstellen, werden die Maschinen die einfachen Aufgaben für uns erledigen. Der Jahrhundertökonom John Maynard Keynes schrieb 1931 einen Essay, einen Brief an seine Enkelkinder. Darin beschrieb er, Maschinen würden in 100 Jahren viele Arbeiten ausführen, denen die Menschen heute nachgehen. Diese Prognose ist die vielleicht herausragendste von Keynes. Und er schrieb, dass man sich von dieser Entwicklung nicht fürchten solle. Sie sei die nächste Stufe der menschlichen Reise. Die Arbeit von Menschen mit Menschen wird nie aussterben – ob in der Ausbildung, Gesundheit, Kultur oder zahllosen anderen Bereichen des Soziallebens. Es gibt viele Tätigkeiten, die Roboter nicht ausführen können.

Wie kommen wir dorthin?
Es braucht dafür eine Veränderung im globalen Bewusstsein - vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die wir in der ersten und zweiten industriellen Revolution gemacht haben. Was wir heute sehen, ist geradezu beispiellos. Menschen streamen Filme umsonst, lesen Nachrichten im Internet und können online Universitätsvorlesungen besuchen. Mit dieser Entwicklung brauchen wir in Zukunft nicht nur weniger zu arbeiten, wir brauchen auch weniger Einkommen. Auch in der Schweiz sehen wir die Millennials, die ihrem Job nachgehen und Geld ausgeben und den anderen Teil des Tages im Sharing-Netzwerk verbringen.

Sie sprechen von einem hybriden System.
Alle Regeln und Gesetze basieren aber auf dem bestehenden System. Das wird die ganz grosse Herausforderung sein in den kommenden Jahren. Alles ist aufgesetzt auf der Regulierung der zweiten industriellen Revolution – Besitz etwa oder Handelsvereinbarungen. Aber was wir jetzt sehen, macht vor Grenzen nicht halt. Die Netzwerke breiten sich rund um den Globus aus. Es braucht neue Arten von Regulierung, die sowohl den Herausforderungen der alten Welt als auch jenen der neuen Rechnung tragen.

Das klingt nach massiven Herausforderungen. Sie beraten Politiker rund um die Welt. Sind die Entscheidungsträger mit diesen Herausforderungen überfordert?
Die Herausforderung ist riesig. Aber ich denke nicht, dass sie zu gross ist. Die Demografie ist auf der richtigen Seite: Die Millenials wachsen in diesen Systemen auf und denken schon heute multiperspektivisch in Systemen. Das Problem ist: Wenn wir da bleiben, wo wir heute sind, werden Arbeit und Produktivität sinken und der Klimawandel hat uns. Wir haben noch drei Dekaden für den Übergang in das das neue ökonomische Paradigma und ein ökologisches zu beginnen.

Ist der Klimawandel die grösste Herausforderung?
Wenn wir diese Herausforderung nicht in den Griff bekommen, werden wir es nicht schaffen. Der CO2-Ausstoss in die Atmosphäre hat in den vergangenen Jahren stärker zugenommen als es frühere Modelle prognostiziert haben. Die Temperatur könnte bis 2100 auf Werte steigen, die der Planet seit Millionen von Jahren nicht erlebt hat. Vergessen wir nicht: Die moderne, menschliche Spezies bewohnt die Erde erst seit rund 175'000 Jahren. Wir müssen die Art, wie wir auf diesem Planeten leben, überdenken.

* Jeremy Rifkin ist Vorsitzender der Foundation on Economic Trends. Der Ökonom und Sozialtheoretiker gehört zu den grössten Intellektuellen unserer Zeit. Seine zahlreichen Bücher, zuletzt «Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft», wurden in über 20 Sprachen übersetzt. Er berät Regierungen rund um den Globus.

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