Nach langem Zaudern will Spanien laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters nun doch komplett unter den Euro-Rettungsschirm schlüpfen. Reuters beruft sich auf Angaben ranghoher EU-Diplomaten. Allerdings trete Deutschland nun auf die Bremse.

«Die Spanier haben zunächst etwas gezögert, aber nun sind sie bereit, Hilfe zu beantragen», zitiert die Agentur eine «hochrangige europäische Quelle». Drei andere Spitzendiplomaten aus der Euro-Zone hätten Spaniens Sinneswandel bestätigt, heiss es weiter. Spanien könnte bereits am Wochenende den Antrag auf ein volles Hilfsprogramm zur Haushaltssanierung stellen.

Zur Stützung seines Banksektors hat das Land bereits Hilfen aus dem Euro-Rettungsschirm EFSF von bis zu 100 Milliarden Euro zugesagt bekommen. Die damit verbundenen Reformauflagen beziehen sich jedoch nur auf die Bankenbranche.

Rajoy: Kein Plan für raschen Hilfsantrag

Laut einem spanischen Medienbericht soll Ministerpräsident Mariano Rajoy einen raschen Hilfsantrag in Brüssel aber ausgeschlossen haben. Rajoy habe den Regionalchefs seiner Partei «Partido Popular» am späten Montagabend mitgeteilt, dass es keinen Plan gebe, am Wochenende einen Rettungsantrag zu stellen. Das berichtet die spanische Tageszeitung «El Mundo» heute.

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Wie die staatliche Nachrichtenagentur Efe unter Berufung auf Parteikreise berichtete, wies Rajoy darauf hin, dass die Regierung noch immer die möglichen Konsequenzen eines solchen Gesuchs prüfe.

An den Anleihemärkten konnte Spanien von den Gerüchten über ein bevorstehendes Hilfsgesuch dennoch profitieren: Im massgeblichen zehnjährigen Laufzeitbereich sanken die Risikoaufschläge gegenüber als sicher gehandelten deutschen Bundesanleihen am Vormittag deutlich.

Die Rendite der entsprechenden spanischen Titel gab um 14 Basispunkte nach und stand zuletzt bei 5,69 Prozent. In der vergangenen Woche hatte die Unsicherheit darüber, ob und wann Madrid weitere Hilfe beantragt, sie zwischenzeitlich noch über die Marke von sechs Prozent getrieben.

Auch der Euro erhielt durch die Spekulationen Kursauftrieb: Nach anfänglichen Verlusten stieg die Gemeinschaftswährung wieder über die Schwelle von 1.29 US-Dollar. Zuletzt wurde der Euro mit 1.2920 Dollar gehandelt. Viele Investoren sehnen ein Hilfsersuchen aus Madrid herbei, da die Europäische Zentralbank dann ihr neues Anleihekaufprogramm starten könnte.

Stellt sich Deutschland quer?

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte die spanischen Reformbemühungen zuletzt gewürdigt und erklärt, das Land brauche kein zweites Hilfsprogramm. Kanzlerin Angela Merkel wolle dem Bundestag wegen zunehmender Skepsis weitere Einzelentscheidungen über Euro-Hilfsanträge ersparen, schreibt Reuters unter Berufung auf mehrere europäische Quellen sowie eine deutsche. Vielmehr wolle man die Entscheidungen bündeln.

Auf die Frage, ob Deutschland Spanien geraten habe, mit dem Hilfsantrag zu warten, sagte ein Regierungssprecher in Berlin laut Reuters, jedes Land entscheide eigenständig. Deutschland dränge weder in die eine noch in die andere Richtung. Eine Sprecherin des spanischen Ministerpräsidenten Rajoy erklärte dazu, sie wisse nichts von einem deutschen Veto gegen einen Hilfsantrag, wie die Nachrichtenagentur schreibt.

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Die EZB hatte angekündigt, unbegrenzt Staatsanleihen eines strauchelnden Euro-Landes zu kaufen, sollte dieses komplett unter den Rettungsschirm schlüpfen und sich die damit verbundenen Auflagen erfüllen.

(tno/vst)