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«Schottland würde Teil der Finanzindustrie verlieren»

Befürworter-Hund: Pech für ihn, er darf nicht abstimmen.   Keystone

Kleine Länder hätten zwar Vorteile, sagt IMD-Professor Arturo Bris. Dennoch wäre ein unabhängiges Schottland wirtschaftlich schlechter dran, so der Experte für Wettbewerbsfähigkeit im Interview.

Veröffentlicht am 17.09.2014

Wäre ein unabhängiges Schottland wettbewerbsfähiger, als es das Vereinigte Königreich heute ist?
Arturo Bris*: Das bezweifle ich.

Warum?
Es ist richtig, dass unsere Forschung zum Thema Wettbewerbsfähigkeit ergeben hat, dass hier kleinere Länder gegenüber grösseren einen relativen Vorteil geniessen. Dass liegt daran, dass in kleineren Ländern im Hinblick auf staatliche Ausgaben, infrastrukturelle Investitionen und Steuerpolitik tendenziell effizienter gehandelt wird. Darüber hinaus sind kleinere Länder in der Verfolgung langfristiger wirtschaftlicher Strategien erfolgreicher, weil diese sich für sie einfacher umsetzen lassen. Von den zehn wettbewerbsfähigsten Ländern des 2014 IMD World Competitiveness Rankings sind sechs relativ klein.

Also doch alles in Butter?
Nein. Auf den ersten Blick sieht die Perspektive für Schottland gut aus. Bei einem Austritt aus dem Vereinigten Königreich würde Schottland aber vermutlich einen Teil seines wichtigen Finanzdienstleistungssektors verlieren. Schottland ist zwar reich an Rohstoffen, doch werden im 21. Jahrhundert natürliche Rohstoffe nicht als Kriterium für Wettbewerbsfähigkeit gesehen. Viele Länder in Afrika und einige in Lateinamerika verfügen beispielsweise über einen grossen Reichtum an natürlichen Ressourcen, sind aber in Ermangelung adäquater Investitionen in physikalische und immaterielle Infrastruktur nicht wettbewerbsfähig.

Und umgekehrt: Inwieweit würde sich eine schottische Unabhängigkeit auf die Wettbewerbsfähigkeit des Vereinigten Königreichs auswirken?
Nicht sonderlich. Das Vereinigte Königreich ist ein sehr interessantes Land, da es auf Position 16 von 60 in den IMD World Competitiveness Rankings rangiert. Das mag angesichts des relativen Gewichts des Vereinigten Königreichs in der Weltwirtschaft niedrig scheinen. Wir müssen jedoch berücksichtigen, dass die wichtigste Triebfeder der Wettbewerbsfähigkeit des Vereinigten Königreichs nicht in Schottland, sondern der Stadt London und ihrem Finanzsektor besteht. Manch einer behauptet, dass die Briten ohne diesen Finanzsektor eher ein Leichtgewicht der europäischen Wirtschaft wären, wie beispielsweise Portugal oder Österreich. Rund 10 Prozent des Bruttoinlandprodukts des Vereinigten Königreichs kommen aus dem Finanzsektor, weitere 5 Prozent aus damit verbundenen Dienstleistungen. Das Bankwesen und die damit verbundenen Dienstleistungen machen 7 Prozent der Gesamtbeschäftigung des Landes aus. In absoluten Zahlen ausgedrückt, sind im Vereinigten Königreich 2 Millionen Menschen in mit dem Finanzsektor verbundenen Dienstleistungsbranchen beschäftigt.

Aber Schottland ist doch da auch stark.
Von den Finanzarbeitsplätzen entfallen lediglich 50'000 auf Schottland. Wenn, wie die grossen Finanzdienstleister angedeutet haben, Banken von einem unabhängigen Schottland weg nach England ziehen würden, hätte dies keine negativen Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit des Vereinigten Königreichs. Im Gegenteil, diese könnte sich sogar verbessern.

Glauben Sie, dass andere regionale Unabhängigkeitsbewegungen wie die in Katalonien, Venedig, Sardinien und Québec von der Frage der Wettbewerbsfähigkeit angetrieben werden?
In diesen Beispielen hat der Separatismus seinen Ursprung in Regionen, die reicher sind als die Länder zu denen sie gehören. Politiker dieser Regionen wissen jedoch, dass die Hauptquelle für Reichtum und Wohlstand im Handel mit anderen Regionen innerhalb des Landes begründet ist. Die Separatisten in Katalonien sind sich der starken Beeinträchtigung der Wettbewerbsfähigkeit bewusst, die eine Unabhängigkeit vom Rest Spaniens nach sich ziehen würde. Québec stimmte aus demselben Grund gegen eine Unabhängigkeit vom Rest Kanadas. Und auf nationaler Ebene möchte Deutschland deswegen in der EU verbleiben, weil es als reichstes Mitgliedsland zu einem grossen Teil von Exporten in andere Länder der Europäischen Union profitiert.

Was schürt denn sonst den Separatismus?
Ich glaube, dass Separatismus heutzutage von dem Bedürfnis nach einer eigenen Identität in einer immer stärker globalisierten Welt motiviert ist. Während nationale Grenzen verschwinden, wollen wir unsere eigenen lokalen, klar definierten Grenzen errichten, die uns Differenzierung und unsere Einzigartigkeit ermöglichen.

* Arturo Bris ist doktorierte am Management-Institut Insead in Brüssel und ist heute Professor für Finanzen beim IMD in Lausanne und leitet das IMD World Competitiveness Center.

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