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Euro-Krise
Schweiz warnte früh vor Griechen-Debakel

Janis Varofakis: Der griechische Finanzminister kommt bei Euro-Partnern oft schlecht an. Keystone

Der Schweizer Vertreter beim IWF warnte bereits vor dem Start des ersten Griechenland-Programms eindringlich vor einem Scheitern. Fast alle seine Befürchtungen sind inzwischen eingetreten.

Von Mathias Ohanian
am 17.02.2015

Schon früh beschlich Bern eine dunkle Ahnung. Man habe ernsthafte Zweifel an der Durchführbarkeit des Programms, aber auch an den Wachstumsannahmen, die «allzu freundlich» seien, trug der Schweizer Vertreter beim Internationalen Währungsfonds (IWF) hinter verschlossenen Türen vor. Es war der 9. Mai 2010, der Tag, an dem das Exekutivkomitee das erste Anpassungsprogramm für Griechenland bewilligte.

Selbst eine kleine negative Abweichung von den Basisprognosen würde das Schuldenniveau auf lange Sicht «untragbar» werden lassen, sagte der Schweizer Vertreter René Weber und fragte: Warum wurde eine Umschuldung und die Beteiligung des Privatsektors bislang nicht erwogen?

Angst vor der Ansteckung im Finanzsektor

Diese Auszüge aus einem vertraulichen Dokument veröffentlichte das «Wall Street Journal» im Herbst 2013. Sie zeigen, wie hitzig beim Währungsfonds hinter den Kulissen noch kurz vor Absegnung des ersten Rettungspakets für Griechenlands über genau jene Punkte diskutiert wurde, die heute das Desaster der gesamten Euro-Zone beschreiben. Die Schweiz und ihr damaliger IWF-Vertreter Weber äusserten unmissverständlich Zweifel an der geplanten Strategie, wurden unterstützt von einigen Schwellenländern – und fügten sich am Ende dennoch der Mehrheit.

Aus Angst vor einer Ansteckung im Finanzsystem wurde auf einen griechischen Schuldenschnitt verzichtet. Vor allem französische und deutsche Banken würden arg in Mitleidenschaft gezogen und müssten möglicherweise staatlich gestützt werden, lautete die Befürchtung damals.

Griechenlands Wirtschaft um ein Viertel geschrumpft

Fast fünf Jahre später scheint klar: Das Rettungsprogramm für Griechenland ist gescheitert. Gemäss Erhebungen der Industrieländerorganisation OECD hat keiner der 34 Mitgliedsstaaten in den vergangenen sieben Jahren die heimischen Arbeitsmärkte und Bildungssysteme stärker reformiert als Griechenland. Abgeschlagen folgen Portugal, Irland und Spanien.

Geholfen hat es nichts: Die hellenische Arbeitslosigkeit erklomm in den vergangenen Jahren immer neue Rekordwerte, Investitionen und Bruttoinlandprodukt sind seit 2008 um rund ein Viertel gesunken. Das ist deutlich mehr als etwa die Wirtschaft der Weimarer Republik in der grossen Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1932 verlor – dem Jahr vor der Machtübernahme der Nazis in Deutschland. Angesichts solch massiver makroökonomischer Verluste ist wenig verwunderlich, dass Griechenlands neue Regierung von einer «humanitären Krise» spricht.

«Programm» oder nicht – das ist die Frage

Das betonte am Montag einmal mehr Athens Finanzminister Janis Varoufakis. Während die Gläubiger von Griechenland erwarten, Athen solle das Programm «erfolgreich» zu Ende bringen, entgegnete der Ökonomieprofessor: Es sei ein Programm, das «nicht erfolgreich abgeschlossen werden kann.» Schon im Wahlkampf lautete ein zentrales Wahlversprechen der Syriza, das Hilfsprogramm nicht mehr verlängern zu wollen. Weil die Griechen also partout den Begriff «Programm» nicht im neuen Abkommen stehen haben wollten, kam es am Montag zur Eskalation.

Immerhin: Am heutigen Mittwoch hiess es, die griechische Regierung mache eine Kehrtwende und wolle, eine Verlängerung des bisherigen Kreditvereinbarungen beantragen. Ob diese damit auch die Bedingungen des Reformpaketes akzeptieren würde, ist indes noch unklar.

IWF gesteht eigene Fehler ein

Das Problem: Die neue griechische Regierung präsentierte sich auf dem europäischen Parkett in den vergangenen Tagen offenbar so unglücklich, dass das Land inzwischen einige Euro-Partner gegen sich aufgebracht hat und eine schnelle Lösung der Krise unmöglich scheint. Die wenig diplomatische Wortwahl von Varoufakis in der Öffentlichkeit – angefangen bei «fiskalischem Waterboarding» über «absurd», «inakzeptabel» bis hin zu einem «barbarischen Sparkurs» – verschärfen das Problem.

Doch so heftig der Athener Auftritt kritisiert wird, in der Sache scheinen die Griechen Recht zu haben. Nicht einmal der IWF selbst streitet noch ab, die Medizin im Fall Griechenland überdosiert zu haben. Bei der früher als äusserst orthodox geltenden Institution hat ein Umdenken stattgefunden. Regelmässig lässt der IWF lässt seine Programme nachträglich von einem internen Expertenteam evaluieren.

Im Juni 2013 veröffentlichte die Task Force ihren Bericht über das erste Griechenland-Programm von 2010. Das Ergebnis war eindeutig: Positiv hob das Gremium die Haushaltskonsolidierung und den Verbleib der Hellenen in der Euro-Zone hervor.

«Beträchtliche Misserfolge»

Doch es gebe auch «beträchtliche Misserfolge». Das Bankensystem habe 30 Prozent seiner Einlagen verloren und die wirtschaftliche Rezession sei weitaus tiefer als erwartet ausgefallen – mit einer «ausserordentlich hohen Arbeitslosigkeit». Das Basisszenario für die Wirtschaftsprognosen könne als «zu optimistisch» kritisiert werden. Und auch sei fraglich, ob der Schuldenstand tragbar sei.

Damit sind bis heute für Griechenland bis heute fast alle Warnungen der Schweiz aus dem Jahr 2010 eingetreten. Für Besserwisserei ist die Lage indes zu ernst.

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