Die Schuldenlast des Krisenstaates sei inzwischen «komplett untragbar», heisst es in einem Länderbericht des Internationalen Währungsfonds (IWF), der am Dienstag an die Öffentlichkeit gelangte. Nötig seien «Massnahmen zur Schuldenerleichterung, die weit über die bisherigen Ideen aus Europa hinausgehen», so der Währungsfonds.

Auch wenn sich die ersten Risse zwischen dem IWF und den anderen Geldgebern schon seit einiger Zeit andeuteten, überraschen die harten Aussagen an die Adresse der EU. Denn an der Einigung vom Montag lassen die Experten des IWF kein gutes Haar. Die Vereinbarung sei «in keiner Art und Weise ein tragfähiges und detailliertes Abkommen», erklärt ein hochrangiger IWF-Vertreter gegenüber der britischen BBC.

Unrealistische Prognosen

Die Prognosen und Ziele der EU erachtet der IWF in mehreren Punkten als unrealistisch. So erwarte man von Griechenland über Jahrzehnte einen Primärüberschuss von 3,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). «Doch nur wenige Länder haben das bisher geschafft.» Im Fall Griechenland bestünden deshalb «Zweifel», ob dieses Ziel überhaupt erreichbar sei.

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Auch beim künftigen Wachstum setzen die IWF-Experten ein Fragezeichen. Sowohl die Produktivität als auch die Erwerbsquote gehörten heute zu den niedrigsten im Euro-Raum. Um daran etwas zu ändern seien weitere «starke und glaubwürdige Reformen der Regierung nötig», so der IWF. Die bisher geplanten Massnahmen seien nicht genug. Und ähnlich sieht der Währungsfonds auch die Situation der Banken. Die Chance sei gross, dass die dritte Bankenrettung in fünf Jahren nicht die letzte bleiben würde, wenn die Probleme in diesem Sektor nicht bei der Wurzel gepackt würden.

Extreme Massnahmen gefordert

Die Schuldenquote von Griechenland werde in den nächsten zwei Jahren von 175 Prozent des BIP auf nahezu 200 Prozent anwachsen, befürchtet der Währungsfonds.  Laut IWF gibt es aber weiterhin mehrere Optionen, um aus dem Schuldendrama herauszukommen. So könnte Europa die Fälligkeit der Schulden von zehn auf dreissig Jahre erstrecken. Weitere Möglichkeiten wären laut IWF etwa jährliche Transferleistungen an Griechenland oder ein «tiefer Haircut».

Gerade ein Schuldenschnitt kommt für die Euro-Länder indes nicht in Frage: «Der Euro-Gipfel betont, dass ein Schuldenschnitt nicht möglich ist», steht im Abschlussdokument des Krisengipfels vom Wochenende. Dies vor allem, weil ein substanzieller Erlass von griechischen Schulden in vielen Ländern nicht durchs Parlament kommen würde, glauben Beobachter.

Was passiert im griechischen Parlament?

Der IWF-Bericht ist nicht nur für die europäischen Geldgeber ein Problem, sondern auch für den griechischen Premierminister Alexis Tsipras. Dieser muss heute im Parlament mehrere Sparmassnahmen vertreten, die von einem wichtigen Geldgeber als nutzlos angesehen werden. «Warum in aller Welt sollten die griechischen Abgeordneten einem Reformpaket zustimmen, von dem nicht einmal der IWF glaubt, dass es das Land zurück auf den Pfad des Erfolgs bringt?», fragt BBC-Wirtschaftsexperte Robert Preston rhetorisch.

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Etwa zehn Prozent der griechischen Schulden kommen vom IWF. In den letzten Wochen hat Griechenland bereits zwei Raten an den Währungsfonds nicht zurückbezahlt. Seit Jahren gibt es innerhalb des IWF kritische Stimmen, die das Hilfsprogramm als unzureichend erachten. So fragte etwa der damalige Schweizer Vertreter René Weber bereits 2010, warum kein Umschuldung für den Krisenstaat erwogen werde und kritisierte die «allzu freundlichen» Wachstumsannahmen.