Seit rund 20 Jahren prägt Silvio Berlusconi die politische Landschaft Italiens. Die Schuldenkrise jedoch und wachsende Zweifel, dass er den Karren aus dem Dreck zu ziehen vermag, haben den «Cavaliere» nun zu Fall gebracht: Am Dienstag kündigte Berlusconi nach dem Verlust seiner Mehrheit in der Abgeordnetenkammer seinen Rücktritt an.

Keine vier Wochen ist es her, dass der Ministerpräsident zum 51. Mal in seiner politischen Karriere die Vertrauensfrage stellte. Er gewann. Seitdem ist allerdings die Sorge gewachsen, dass Italien ein zweites Griechenland werden könnte, und mit ihr die Skepsis, ob Berlusconi die nötigen Sparmassnahmen und Reformen packt.

Selbstdarsteller der besonderen Art

Der 75-jährige Berlusconi ist wohl die schillerndste Person in der europäischen Politik. Die Bürger haben ihm schon einiges nachgesehen: «Bunga-Bunga»-Partys und Schönheitsoperationen, massgeschneiderte Gesetze zum Schutz des Regierungschefs und Korruptionsvorwürfe, minderjährige Prostituierte und flapsige Äusserungen auf internationalem Parkett.

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In den vergangenen Monaten machte der italienische Ministerpräsident weniger mit politischen Initiativen Schlagzeilen, als vielmehr mit jugendlichen Geliebten und wilden Partys. Offenbar liess er sich für seine Feiern junge Frauen von einem Geschäftsmann aus Bari zuführen. Die mutmasslichen Prostituierten sollen sogar in Regierungsflugzeugen zu den Partys eingeflogen worden sein.

Berlusconi gilt als begnadeter Selbstdarsteller. Bereits sein Jurastudium finanzierte er sich als Pianist auf Kreuzfahrtschiffen und mit Auftritten als Sänger.

Erfolgreicher Medienunternehmer

Noch vor seinem Abschluss 1959 wurde er Geschäftsführer eines Mailänder Bauunternehmens, 1961 machte er sich selbstständig. Berlusconi etablierte sich schnell als Investor zukunftsweisender Wohn- und Geschäftskomplexe um Mailand.

In den 70er-Jahren richtete Berlusconi sein unternehmerisches Interesse zunehmend auf den Mediensektor. Er war massgeblich am Aufbau des Privatfernsehens in Italien beteiligt und vereinte bereits Mitte der 80er fast zwei Drittel der TV-Werbung Italiens in seiner Senderfamilie.

Zudem ist Berlusconi an Filmproduktionsgesellschaften und Videotheken, Verlagen und Sportvereinen beteiligt. Von 1986 bis 2004 war er Präsident des Fussballvereins AC Milan.

Kometenhafter Einstieg in die Politik

Mit der Gründung seiner Partei Forza Italia (FI) trat Berlusconi 1994 in die Politik ein. Bei den Wahlen im März 1994 wurde die FI mit 21,5 Prozent auf Anhieb stärkste Partei.

Berlusconi konnte seine Regierung allerdings nur bis Dezember behaupten. Nach dem Rücktritt als Ministerpräsident arbeitete er am Aufbau eines stabileren Mitte-rechts-Bündnisses. Damit gewann er zwischen 1996 und 2001 sämtliche Kommunal- und Regionalwahlen.

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Bei den Parlamentswahlen im Mai 2001 sicherte sich Berlusconis neues Bündnis Casa delle Libertà die absolute Mehrheit. Die FI wurde mit Abstand stärkste Partei, Berlusconi hatte das Amt des Regierungschefs bis 2006 inne.

Berlusconis Dauerclinch mit der Justiz

Bereits seit Mitte der 90er Jahre liegt Berlusconi mit der italienischen Justiz im Dauerclinch. Zu den Vorwürfen gegen ihn gehörten Meineid, Bestechung, illegale Parteienfinanzierung, Bilanzfälschung, Steuerhinterziehung und Mafiakontakte, ohne dass es in insgesamt elf Verfahren zu einer rechtskräftigen Verurteilung kam.

Im Juni 2003 verabschiedete das Parlament unter Boykott der Opposition ein umstrittenes Immunitätsgesetz («Lex Berlusconi») für die vier höchsten Amtsträger der Republik.

Nach dem Scheitern der Mitte-links-Koalition unter Romano Prodi gewann Berlusconi 2008 mit seiner neuen Partei Volk der Freiheit (PdL) die vorgezogenen Neuwahlen und kehrte ins Amt des Ministerpräsidenten zurück.

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(vst/laf/sda)