Der Unmut in Deutschland über die vermeintlich nimmersatten Griechen ist vielerorts gross. Der Grieche habe jetzt lange genug genervt, sagte kürzlich Thomas Strobl, stellvertretender CDU-Vorsitzender. Da sass er nicht mit Kollegen beim Bier am Stammtisch, sondern sprach in die Kamera des öffentlich-rechtlichen Senders ZDF.

Ähnlich wie Strobl denken mittlerweile viele im nördlichen Nachbarland über die Hellenen. Nur: Das Bild vom prassenden Griechen, den die sparsamen Deutschen mit ihren Milliarden durchfüttern müssen, stimmt offenbar nicht ganz mit der Realität überein. Diesen Schluss legt eine neue Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle nahe.

Deutschland profitierte von schlechten Nachrichten

Geht es nach diesen Ökonomen, ist Deutschland der grosse Gewinner in der Griechenland-Krise: Der deutsche Staat hat in fünf Jahren bis Mitte 2015 über 100 Milliarden Euro an Zinszahlungen eingespart, haben die Wissenschaftler Geraldine Dany, Reint E. Gropp and Gregor von Schweinitz ausgerechnet. Beeindruckend: Selbst wenn alle potenziellen Kosten der Griechen-Krise für Deutschland anfielen und Berlin keinen Cent aus Athen zurückbezahlt bekäme, würde Finanzminister Wolfgang Schäuble laut Studie noch profitieren.

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Zum Vergleich: Schätzungen zufolge liegt der deutsche Anteil an allen Rettungspaketen (inklusive dem aktuell diskutierten) bei rund 90 Milliarden Euro.

Die realisierte Ersparnis in Höhe von 100 Milliarden Euro ist laut den Forschern zumindest teilweise direkt auf die Griechenlandkrise zurückzuführen. So profitierte Deutschland in den vergangenen Jahren regelmässig von schlechten Nachrichten aus Griechenland – indem Investoren in Bundesanleihen flüchteten und Berlin damit weniger Zinsen an seine Gläubiger zahlen musste. Die grösste Volkswirtschaft Europas profitierte von seinem Ruf als «sicherer Hafen», wie es die Schweiz mit Blick auf den starken Franken schon lange kennt.

Geldpolitik wirkt positiv auf deutsche Haushalte

Gab es Neuwahlen in Griechenland oder wurden Reformziele nicht erreicht, führte das seit 2010 oft zu höheren Renditeaufschlägen in Griechenland. Deutsche Bundesanleihen wurden gleichzeitig niedriger verzinst. Insgesamt hätten schlechte Nachrichten für Griechenland so zu einer Senkung der Renditen zehnjähriger Bundesanleihen um über 1,5 Prozent geführt. Umgekehrt liessen gute Meldungen über Hellas die Verzinsung deutscher Staatspapiere in den vergangenen fünf Jahren um einen ähnlichen Wert steigen.

Daneben profitiert Deutschland seit einer halben Dekade laut den Halleschen Forschern von der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Wegen der zunehmenden Spannungen innerhalb des Währungsraums seien die Zinsen für die deutschen Wirtschaftsverhältnisse (die Forscher verwenden die sogenannte Taylor-Regel, um den für Deutschland optimalen Zins zu bestimmen) nun zu niedrig gewesen. Entsprechend wären wohl auch die Zinsen für deutsche Staatsanleihen ausgefallen, so die Experten: «Mit diesem Ansatz kommt man auf simultierte Zinsen auf deutsche Staatsanleihen, die zwischen 2010 und heute durchschnittlich rund 3 Prozent höher sind als in der Realität beobachtet.»

Gesprächsstoff für deutsche Stammtische

Ganz neu ist das Forschungsergebnis indes nicht: Des Öfteren schon verwiesen Wirtschaftswissenschaftler – auch aus Deutschland, etwa die Ökonomen der Researchfirma Kiel Economics, aber auch Nobelpreisträger Joseph Stiglitz – in den vergangenen Jahren auf die Krisengewinne Deutschlands. Für deutsche Stammtische und CDU-Vize Strobl ist das spannender Gesprächsstoff.

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