Für die Euro-Zone ist es eine Art déjà-vu. Von Brüssel über Berlin bis nach Athen ist auf einmal wieder ein fast schon vergessenes Wort in aller Munde: Grexit. Die Wortschöpfung aus dem Jahr 2012 umschreibt den möglichen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone.

Als im Frühsommer vor bald drei Jahren schon einmal eine politische Krise in Athen hochkochte und das Hilfsprogramm aus dem Ruder lief, bezifferte so mancher Ökonom die Wahrscheinlichkeit eines Grexit auf über 50 Prozent. Am Ende entschieden sich die politischen Entscheidungsträger gegen einen solchen Schritt. Vor allem die Ansteckungseffekte auf andere Länder wie Portugal, Spanien oder Italien schienen seinerzeit zu gross.

Die Euro-Zone steht heute besser da

Doch heute ist man weiter: Mit dem Euro-Rettungsfonds ESM hat die Währungszone eine höhere Brandmauer. Zudem stehen die Banken des Kontinents besser da und einige Krisenländer wie Spanien oder Irland haben ihre Volkswirtschaften reformiert.

Es scheint also nachvollziehbar, dass so mancher Politiker in Berlin einen Euro-Austritt der Griechen im Ernstfall für verkraftbar hält – selbst wenn es sich dabei um einen Präzedenzfall handeln würde, für den die Europäische Union noch nicht einmal eine rechtliche Abwicklung vorsieht. Wie aber würde ein Grexit in der Praxis ablaufen?

Es gibt keine Blaupause für einen Euro-Austritt

Eine Blaupause dafür gibt es nicht. Einig sind sich fast alle Beobachter darin, dass ein Euro-Ausstieg eine schwer zu stemmende Herausforderung wäre. Auf die «gefährlichen Konsequenzen sowohl für Griechenland als auch die Euro-Zone» wiesen im Frühjahr 2012 auch die Ökonomen der UBS hin. Intensiv setzten sich zu dieser Zeit die Ökonomen der Londoner Researchfirma Capital Economics mit dem Thema auseinander. Ihre über 100-seitige Vorlage zum Thema erhielt 2012 den mit 250'000 Dollar dotierten Wolfson-Preis für Ökonomie.

Welches Prozedere schlagen diese Experten also vor? Zuallererst gilt für die Athener Verantwortlichen eines Grexit absolute Geheimhaltung. Denn gelangen entsprechende Pläne an die Öffentlichkeit, dürfte eine Panik bei Sparern und Firmen unausweichlich sein. Die Gefahr eines Bankruns wäre gross.

Auch andere Staatschefs dürfen lange nichts wissen

Entsprechend sollte nur eine kleine Gruppe an Offiziellen am Währungsaustritt arbeiten und dafür maximal einen Monat Planung vorsehen. Vor dem Stichtag sind zudem Kapitalverkehrskontrollen nötig, um eine Geldflucht ins Ausland zu verhindern.

Die Regierungschefs anderer Euro-Staaten sollten laut Capital Economics allenfalls drei Tage vor dem geplanten Austrittstermin informiert werden: Wenn die neue Währung idealerweise an einem Montag eingeführt wird, sollten Brüssel und die anderen Euro-Städte also erst am Freitag zuvor in Kenntnis gesetzt werden.

Keine Zeit, um Banknoten zu drucken

Angesichts des straffen Fahrplans wird laut der Analyse aber keine Zeit bleiben, zum Austrittstermin neue Banknoten zu drucken oder Münzen zu prägen. Dies sei jedoch nicht weiter schlimm. Kleinere Transaktionen können demnach weiter mit Euro-Noten bezahlt werden, so lange, bis die neue Währung in physischen Scheinen und Münzen in Umlauf gebracht wird. Dies sollte nach Bekanntgabe des Euro-Austritts aber schnell in Angriff genommen werden.

Um Vertrauen zu schaffen, veranschlagen die Ökonomen einen Wechselkurs der neuen Drachme zum Euro unmittelbar nach dem Austritt von eins zu eins. Dieser Umtauschkurs würde freilich kaum bestehen bleiben, sondern die neue griechische Währung sofort gegenüber dem Euro abwerten – um geschätzt rund 30 bis 50 Prozent. Dies freilich würde die erwartet hohe Inflation in Griechenland zusätzlich anheizen, um rund 10 Prozent in den ersten beiden Jahren, wie die Ökonomen von Capital Economics erwarten.

Ganzes Paket an vertrauensbildenden Massnahmen nötig

Umso wichtiger sei es, dass Griechenland bei einem Euro-Austritt unmittelbar ein Inflationsziel und ein ganzes Paket an fiskalischen Regeln, wie etwa eine Schuldenbremse, einführen muss. Diese sollten dann von einem Rat unabhängiger Experten beaufsichtigt werden. Um das Vertrauen zusätzlich zu stärken, empfehlen die Ökonomen dem austretenden Land sich zu einer inflationsindexierten Lohnentwicklung zu bekennen. Die Verzinsung neu ausgegebener Staatsanleihen sollte ebenfalls an die Preisentwicklung geknüpft sein.

Eine wichtige Rolle kommt dabei auch der griechischen Notenbank zu. Denn sollten die Geschäftsbanken nach dem Euro-Austritt Probleme bekommen sich zu refinanzieren, muss sie Liquidität bereitstellen. Darüber hinaus sollten die Entscheidungsträger öffentlich die Bereitschaft erklären, klamme Banken im Notfall zu rekapitalisieren. Auch diese Massnahme soll das Vertrauen stärken.

Nordstaaten müssen sich zu Integration bekennen

Damit wäre jedoch noch nicht die Gefahr einer Ansteckung auf andere Euro-Länder, die in der Währungszone bleiben wollen, gebannt. Dafür haben laut Capital Economics die restlichen Währungszone und Brüssel zu sorgen: Vor allem die Nordländer sollten sich öffentlich stärker zu einer schnelleren fiskalischen und politischen Integration Europas bekennen.

Unterm Strich geben sich die Londoner Ökonomen in ihrer Analyse optimistisch, dass alle Hindernisse, die ein Euro-Austritt mit sich bringen würde, bewältigt werden können. Sicher sein kann man indes nicht – denn ein solcher Schritt wurde noch nie gewagt. Und eine Reihe von Ökonomen hält die Gefahr einer Ansteckung, die der Euro-Austritt eines einzigen Landes auf andere Staaten haben könnte, noch immer für immens.