Die europäischen Staatsanleihen haben diese Woche praktisch durchs Band neue Rendite-Höchststände erreicht. Die Lage ist ernst.
Felix Brill: Ich würde sie als angespannt bezeichnen. Die Risikoaufschläge sind Ausdruck einer Unsicherheit. Es bedarf noch vieler Anstrengungen, dass sich die Lage nachhaltig verbessert.

Es werden immer neue Staaten genannt, die rekordhohe Risikoaufschläge zahlen müssen. Hat der Dominoeffekt eingesetzt?
Die Gefahr eines Dominoeffekts lässt sich nie ausschliessen. Fakt ist aber auch, dass auf politischer Ebene weitreichende Reformen eingeleitet wurden, um Fortschritte zu erzielen.

Reformen, bei denen Politik und Wirtschaft immer mehr verschmelzen. Wie interpretieren Sie diese Entwicklung?
Diese Verschmelzung war eigentlich schon Teil der Ursprungsidee. Der Euro – mit all seinen Konstruktionsfehlern, die wir heute kennen – hatte immer eine starke politische Dimension: Man hoffte, über eine wirtschaftliche Einigung auch zu einer stärkeren politischen Einigung zu kommen...

... was aber nicht der Fall war.
Spätestens jetzt, unter dem Druck der augenblicklichen Situation ist man auf dem Weg zu einer stärkeren Einheit – siehe Fiskalunion. Wo vor kurzer Zeit noch starke Vorbehalte herrschten, wird jetzt diskutiert und nicht von vornherein ein Veto eingelegt.

Ist das nicht etwas schönmalerisch: Der Groll auf Staaten wie Griechenland oder Italien ist doch tendenziell grösser geworden.
Einverstanden. Es gibt aber auch Beispiele, wo verhärtete Fronten aufgeweicht worden sind – siehe Deutschland und Frankreich. Sie haben klar signalisiert, dass man die Eurozone weiterhin als Familie verstehe und die Mitgliedsländer, die unter Druck stehen, unterstützt. Allerdings wurde auch klar signalisiert, dass es diese Solidarität nicht umsonst gibt: Man verlangt im Gegenzug Sparbemühungen und Reformen.

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Sie glauben an die Zukunft von Euro und Eurozone?
Im Prinzip schon.

Das heisst?
Die Probleme werden uns noch lange beschäftigen. Aber das liegt in der Natur der Sache: Bei so vielen Staaten entsteht immer Uneinigkeit. Auch in weniger föderalistischen Gebilden gibt es ernsthafte Probleme – ein Blick in die USA genügt.

«Im Prinzip» bei der Frage über die Euro-Zukunft lässt Ihnen ein Hintertürchen offen.
Ja. Wer heute hinsteht und behauptet, er wisse, wo die Eurozone in zwei Jahren stehen wird, lügt.

Ein Gesundschrumpfen wäre eine Variante – beispielsweise ohne Griechenland.
Alleine die Tatsache, dass dies thematisiert wurde, zeigte die Frustration von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ich bezeichne es als disziplinierendes Mittel.

Dürfen wir das mit Drohgebärde übersetzen?
Ja – oder auch einfach als politischen Prozess.

Wann wird die EZB ihre starre Haltung aufgeben und bedingungslos als Käufer von Staatsanleihen auftreten müssen?
Sie tritt ja zum Teil schon heute im Markt auf.

Reicht das, wenn sich die Lage in Italien zuspitzt?
Nein. Dann wird sie sich stärker einbringen müssen.

Könnte sie wie die SNB beim Euro/Frankenkurs einfach Käufe androhen?
Nein, die Ausgangslage ist nicht identisch. Italien hat in der Praxis einen starken Refinanzierungsbedarf...

... und braucht das Geld physisch.
Genau. Alleine durch die Refinanzierung und die Aufnahme neuer Schulden braucht Italien 2012 die Summe von 320 Milliarden Euro. Dann müssen Käufer da sein.

Eine EZB-Intervention würde aber den Euro unter Druck bringen.
Es stellt sich immer die Frage nach der langfristigen Wirkung. Kurzfristig könnte eine solche Intervention von den Märkten als positives Signal aufgenommen werden – die unmittelbare Gefahr eines Eurozonen-Kollaps wäre dann gebannt. Langfristig werden Währungen von der relativen Inflationsentwicklung getrieben. Tritt die EZB am Primärmarkt als Käufer auf, wirft sie de facto die Geldmaschine an – damit stiegen die Inflationserwartungen und letztendlich wohl auch die tatsächliche Inflation, was den Euro schwächen würde.

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Würden Sie nach dem Schuldenschnitt in Griechenland investieren?
Eine schwierige Frage – man muss abwarten, ob der freiwillige Verzicht wirklich zu einer Verbesserung der Lage führt.

Sie erwarten einen weitergehenden Schnitt?
Ich schliesse ihn nicht aus. Durch das heutige umfangreiche Spar- und Reformpaket wird Griechenland lange Zeit in der Rezession verharren. Umso wichtiger ist es, dass die neue Regierung der Technokraten einen Weg findet, um die Massnahmen der Bevölkerung zu «verkaufen» und so Rückhalt zu gewinnen.

Ihre Prognose?
Technokraten haben mit Sicherheit den Vorteil, dass sie sich sehr gut in der Materie auskennen – aber sie verfügen nicht über die Erfahrung, so zu kommunizieren, damit Mehrheiten gewonnen werden.

Das heisst, dass...
... die Gefahr von Unstimmigkeiten und Unzufriedenheit latent ist – und die Menschen auf die Strasse gehen.

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7 Prozent Rendite auf Italien locken Sie aber an?
Auf Basis des aktuellen Schuldenstands und auf Grund des hohen Refinanzierungsbedarfs ist das auf Dauer nicht tragfähig - sprich: Italien bleibt in der Schuldenspirale gefangen. Man kann sich lediglich über den Zeitpunkt streiten, wann das Gebilde kippt.

Kippt? Sie rechnen auch in Italien mit einem Schuldenschnitt?
Soweit gehe ich nicht. Aus der jetzigen Perspektive kommt die EZB nicht drum herum, stärker auf den Plan zu treten – wie im Fall von Griechenland. Bei einem Schuldenschnitt hätte der Bankensektor – nicht nur europäisch, sondern weltweit – sehr ernsthafte Probleme.

(Interview: Volker Strohm)