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«Spanien wird keinen Rettungsschirm brauchen»

Jan Amrit Poser, Chefökonom der Bank Sarasin, im Interview über die Sparpolitik der neuen Regierung, Reformen und die EU-Hilfen.

Von Armin Müller (Interview)
am 04.04.2012

Die neuesten Konjunkturindikatoren ­­­für Spanien sehen nicht gut aus. Wie ­beurteilen Sie die Entwicklung?
Jan Amrit Poser:
Ich schaue weniger auf das monatliche Auf und Ab. Insgesamt befindet sich Euroland in einem leichten Aufschwung.

Die neue Regierung hat diese Woche ­bedeutende Budgetkürzungen bekannt­gegeben. Gefährdet die Sparpolitik das Wachstum, mit dem sich das Land aus der Schuldenkrise herauswinden will?
Die Sparpolitik schafft natürlich Gegenwind für die Konjunktur. In Griechenland hat die Sparpolitik tatsächlich nicht funktioniert. Aber in Portugal trägt sie mittelfristig Früchte. In Spanien ist das Exportpotenzial relativ gut, die Ausfuhren erleben einen Aufwärtstrend. Das Problem ist die grosse Umstrukturierung der Wirtschaft weg vom Bausektor, der auf Jahre darniederliegen wird. Die Chancen stehen aber nicht schlecht für Spanien, auch wenn das Wachstum als Folge der Sparmassnahmen des Staates tiefer sein wird. Es muss nicht zu einer jahrelangen Rezession kommen.

Die Arbeitslosigkeit ist auf über 23 Prozent gestiegen, die Jugendarbeitslosigkeit ­beträgt schon über 50 Prozent.
Das ist schon gravierend. Eine ganze Altersgruppe wird zur verlorenen Generation. Die Emigration nimmt stark zu.

Es kam bereits zu heftigen Streiks und ­Demonstrationen.
Es besteht natürlich immer die Gefahr, dass es Unruhen gibt. Aber ob die Streiks das ganze Stimmungsbild einer Nation zeigen, wage ich zu bezweifeln. Die Regierung von Mariano Rajoy wurde explizit mit einem Sparmandat gewählt. Sie setzt nun einiges an Reformen um und liess sich bisher nicht beirren durch die Streiks. Die geplanten Arbeitsmarktreformen tun natürlich sehr weh in Zeiten ­hoher Arbeitslosigkeit. Aber dass Spanien solch mutige Reformen anpackt in diesen schweren Zeiten, ist ein positives Zeichen.

Vor allem angelsächsische Ökonomen ­bezweifeln, dass Spanien es schaffen wird.
Es bestehen weiterhin Befürchtungen, dass der Immobilienmarkt noch weiter fallen und die Banken in Schieflage bringen könnte. Aber die Finanzierungsaktionen der Europäischen Zentralbank haben die Lage deutlich entschärft.

Manche befürchten, dass Spanien nach Griechenland, Portugal und Irland der nächste Dominostein ist, der in der ­Euro-Krise fallen wird.
Spanien wird keinen Rettungsschirm brauchen. Für Portugal bin ich skeptischer, da steht wohl ein zweites Rettungspaket an. Auch Irland ist fraglich.

Eine Pleite von Portugal würde auch ­Spanien stark treffen.
Es wäre schlimm für die spanischen Banken. Aber wenn es ein zweites Rettungsprogramm für Portugal gibt, ist das eher ein Vertrauensbeweis für die Politik. Spanien wäre dann nicht betroffen.

Ist Spanien «too big to fail»?
Wenn Spanien in Bedrängnis käme, dann käme dies wohl auch Italien. Und für diese grossen Länder reicht auch der nun auf 800 Milliarden Euro erhöhte Rettungsschirm nicht aus. Also müsste die Euro­päische Zentralbank nochmals als Retter einspringen und mit weiteren Geldspritzen die spanischen Banken stützen.

Jan Amrit Poser, Chefökonom Bank Sarasin

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