Sie betonen, dass sie das Gespenst des Krieges auf dem Alten Kontinent verbannt haben. Tatsächlich hat uns die europäische Integration die längste Phase von Frieden und Wohlstand beschert, die Europa seit vielen Jahrhunderten erlebt hat.

Doch so richtig diese Sichtweise auch ist: Sie ist zugleich unvollständig. Es gibt heute so viele Gründe, einen immer engeren Zusammenschluss in Europa anzustreben, wie 1945, und es sind absolut zukunftsweisende Gründe. Vor 65 Jahren war das globale Bruttoinlandprodukt so verteilt, dass es für Europa nur ein Vorbild für einen Binnenmarkt gab: die Vereinigten Staaten von Amerika. Heute hat es Europa mit einer neuen Weltwirtschaft zu tun, die durch die Globalisierung umgeformt wurde. Es ist eine Welt, in der Skaleneffekte und Innova­tionsnetze stärker denn je von Bedeutung sind.

Bis 2016 – also schon sehr bald – können wir erwarten, dass das Bruttoinlandprodukt der Euro-Zone gemessen an der Kaufkraftparität unter dem Chinas liegen wird. Die Volksrepublik und Indien gemeinsam dürften in puncto Wirtschaftskraft dann etwa doppelt so gross sein wie die Euro-Zone. Auf längere Sicht wird das gesamte Bruttoinlandprodukt der G7-Länder neben dem rapiden Wachstum der grossen Schwellenländer verblassen.

Europa muss also mit einer neuen geopolitischen Landschaft zurechtkommen, die durch die aufstrebenden Volkswirtschaften in profunder Weise umgestaltet wird. In dieser neuen globalen Konstellation ist die wirtschaftliche und politische Integration Europas von zentraler Bedeutung, um dauerhaft Wohlstand und Einfluss zu erreichen. Wie die einzelnen Bürger in einer Gesellschaft sind die Länder der Euro-Zone sowohl unabhängig wie abhängig voneinander. Sie können einander in positiver wie in negativer Weise beeinflussen. Eine gute politische Steuerung erfordert, dass sowohl die Institutionen der einzelnen Mitgliedsstaaten als auch der EU ihre Aufgaben erfüllen.

Es fehlen in Europa wirksameSanktionsmöglichkeiten

Zunächst einmal muss jedes Euro-Land sein eigenes Haus in Ordnung halten. Dies bedeutet eine verantwortliche Wirtschaftspolitik sowie eine strikte Überwachung dieser Politik – durch Kommission und Mitgliedsstaaten. In einer Gesellschaft können Strafverfolgungsbehörden einen Bürger zwingen, sich an die Regeln zu halten. In der Euro-Zone gab es bisher einen Rahmen aus Überwachung und Sanktionen, der – bis zu den allerneusten Entscheidungen – auf der Bereitschaft der verstossenden Länder basierte, die Regeln einzuhalten. Aber was kann man tun, wenn ein Mitgliedsstaat seine Versprechen nicht halten kann? Für Länder, die den Zugang zu den Märkten verlieren, ist der Ansatz, auf der Basis strenger Bedingungen Hilfe zu leisten, gerechtfertigt. Die Länder verdienen eine Chance, die Lage selbst zu beheben und wieder Stabilität herzustellen.

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Trotzdem hat ein derartiger Ansatz klar definierte Grenzen. Daher ist jetzt für Länder, die ihre politischen Ziele kontinuierlich nicht erfüllen, eine zweite Phase vorgesehen. In dieser spielen die Behörden der Euro-Zone eine erheblich tiefgreifendere und massgeblichere Rolle bei der Formulierung der Haushaltspolitik derartiger Länder. Damit entfernen wir uns vom gegenwärtigen System, das alle Entscheidungen in den Händen des betreffenden Landes belässt. Stattdessen wäre es nun nicht nur möglich, sondern in manchen Fällen zwingend vorgeschrieben, dass die europäischen Behörden direkte Entscheidungen fällen.

Die Umsetzung dieser Idee impliziert angesichts der komplexen Interdependenzen, die zwischen den Euro-Ländern bestehen, zugleich die Übernahme eines neuen Konzepts von Souveränität. Aber es liegt letztlich im Interesse aller Bürger der Euro-Zone, dass diese Veränderungen durchgeführt werden.

Die jüngsten Ereignisseunterstreichen die Dringlichkeit

Es ist meine feste Überzeugung, dass das Europa der Zukunft einen neuen Typ von institutionellem Rahmen verkörpern wird. Wie könnte dieser aussehen? Wäre es zu kühn, sich vorzustellen, dass es eines Tages ein EU-­Finanzministerium geben wird?

Ein künftiges europäisches Finanzministe­rium wäre für die Aufsicht sowohl über die Fiskalpolitik als auch die Wettbewerbspolitik zuständig und würde gegebenenfalls diese zweite Phase verhängen. Zudem würde es die nor­malen Exekutivaufgaben in Bezug auf die ­Aufsicht und Regulierung des Finanzsektors ­innerhalb der Europäischen Union ausüben. Und schliesslich würde dieses Ministerium die Euro-Zone in den internationalen Finanzorganisationen vertreten.

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Die jüngsten Ereignisse rund um die Schuldenkrise und ihre Bewältigung haben die Argumente für diesen Ansatz nur gestärkt. Die europäischen Staats- und Regierungschefs sind dabei, eine Vertragsänderung zu diskutieren, um eine stärkere wirtschaftliche Steuerung auf Ebene der Europäischen Union herbeizuführen, und die Bürger der Euro-Zone selbst fordern eine bessere Beaufsichtigung des Finanzsektors. Und ich weiss, dass unsere Partner in der G20 von Europa als Ganzem statt von seinen einzelnen Mitgliedsstaaten Lösungen erwarten. Es sieht also zunehmend so aus, als wäre es zu kühn, die Schaffung eines europäischen Finanzministeriums an irgendeinem Punkt in der Zukunft nicht in Betracht zu ziehen.

Die Subsidiarität würde einegrössere Rolle spielen als heute

Doch ein EU-Finanzministerium wäre nur eine Komponente innerhalb Europas künftigem institutionellem Rahmen. Man kann sich vorstellen, dass sich der Europäische Rat, wenn die verschiedenen Elemente der Souveränität immer mehr geteilt werden, zu einer Art Ständerat für die EU entwickeln könnte, während das Europäische Parlament zu einer Art Nationalrat wird. In ähnlicher Weise könnte die Euro­päische Kommission zur Exekutive werden, während der Europäische Gerichtshof die Rolle einer Justiz in dieser Europäischen Union übernimmt. Und angesichts der langen und stolzen Geschichte der europäischen Länder habe ich keinen Zweifel, dass die Subsidiarität in diesem künftigen Europa eine bedeutende Rolle spielen wird – eine erheblich grössere als im gegenwärtigen Föderationsmodell.

Dies sind die persönlichen Ansichten eines europäischen Bürgers. Die Zukunft Europas liegt in den Händen seiner Demokratien, in den Händen der europäischen Bevölkerung. Unsere Mitbürger werden über die Richtung entscheiden, die Europa einschlagen soll. Sie werden sie bestimmen. Doch egal, in welcher Weise Europas Institutionen Form annehmen: Eine wirklich europaübergreifende öffentliche Debatte darüber ist unverzichtbar.

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Als Europäer identifizieren wir uns zutiefst mit unseren Nationen, Traditionen und unserer jeweiligen Geschichte. Dies sind Europas Wurzeln. Zugleich jedoch müssen wir unsere Äste weiter ausstrecken.

Wir sollten also heute nicht rückwärts schau­en. Wir müssen nach vorne blicken – auf die sich darbietenden Chancen, dafür zu sorgen, dass es uns gemeinsam besser geht, und auf das Potenzial jedes Landes, in einer gut funktio­nierenden Union stärker und wohlhabender zu werden.

Jean-Claude Trichet war von 2007 bis Oktober 2011Präsident der Europäischen Zentralbank, zuvor war erPräsident der Banque de France. © Project Syndicate, 2011