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Fussball
Wirtschaftlich ist die EM für Frankreich schon vorbei

In diesem Monat beginnt die Fussball-EM in Frankreich. Wirtschaftlich ist der Wettbewerb für das Land bereits weitgehend gelaufen. Die Auswirkungen des Events dürften ernüchternd sein.

Veröffentlicht am 01.06.2016

In Frankreich beginnt im Juni die Fussball-Europameisterschaft, und die Gastgebermannschaft ist einer der Favoriten für den Titel. Die Wirtschaft wird dagegen nur in sehr geringem Masse gewinnen. Die direkten Auswirkungen der Ticketverkäufe auf das Bruttoinlandsprodukt waren bescheiden und wurden bereits in den abgelaufenen Quartalen erfasst - gerade so, als wäre das Turnier schon gelaufen. Auch die Investitionen zur Vorbereitung auf die Meisterschaft sind schon verarbeitet, also könnte ein bedeutender Einfluss in diesem Sommer nur noch von höheren Ausgaben während des Turniers kommen. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen aber, dass diese wohl eher gering ausfallen und nicht lange anhalten. 

Die Europameisterschaft 2016 wird vom 10. Juni bis zum 10. Juli in verschiedenen französischen Städten ausgetragen. Das Event findet alle vier Jahre statt und findet grosse Beachtung - was diesmal in besonderem Masse der Fall sein dürfte, weil jetzt 24 Länder teilnehmen, während es früher nur 16 waren. Dem Europäischen Fussballverband Uefa zufolge wird die Meisterschaft in mehr als 230 Gebieten weltweit live übertragen, und in den Stadien werden rund 2,5 Millionen Fans erwartet. Für Frankreich ist das ein seltenes Grossereignis: die letzten wichtigen Sportevents, die dort stattfanden, waren der Rugby World Cup 2007 und die Fussball-Weltmeisterschaft 1998.

Kaum neue Jobs erwartet

Jenseits des Sports findet der internationale Wettbewerb vor dem Hintergrund einer schwachen Konjunkturerholung Frankreichs statt. Prognosen zufolge wird die französische Wirtschaft dieses Jahr nur um 1,4 Prozent wachsen, kaum schneller als im Vorjahr, als das BIP um 1,2 Prozent stieg. Das dürfte die Lage am Arbeitsmarkt wenig ändern. Die Arbeitslosenquote in Frankreich verharrt bei etwa zehn Prozent und ist anders als in anderen grossen europäischen Ländern auch nicht deutlich zurückgegangen. Daran wird auch die EM kaum etwas ändern, erwartet Bloomberg Intelligence.

Frankreich ist eine hochentwickelte Volkswirtschaft und nimmt auf der Rangliste des Weltwirtschaftsforums der 140 Länder mit der besten Qualität der Infrastruktur den achten Platz ein. Daher war nicht viel zur Vorbereitung auf das Event nötig. Nur ein paar Milliarden Euro mussten in den letzten Jahren in die Sportinfrastruktur investiert werden - etwa 0,1 Prozent des jährlichen nominalen BIP. Die Auswirkungen auf das Wachstum dürften zu vernachlässigen sein, da sich die Ausgaben über einen längeren Zeitraum erstreckten.

Tickets bringen über 200 Millionen Euro

Die Meisterschaft selbst fliesst als Produktionswert der Sport- und Freizeitdienstleistungen ins BIP ein. Um die Wertschöpfung zu messen, nimmt das Statistikamt den Ticketumsatz und zieht den Wert der Güter und Dienstleistungen ab, die zur Bereitstellung des Turniers nötig waren, jeweils bereinigt um Preisänderungen. Wichtig ist, dass der überwiegende Teil der Tickets bereits verkauft ist und die direkte Auswirkung auf das BIP bereits stattgefunden hat, wie die offiziellen Daten zeigen.

Es gibt zwei Möglichkeiten, den Einfluss der Tickets auf das BIP im ersten Quartal zu bewerten. Zum einen kann man sich die Leistungsdaten für Februar anschauen, als einige der Tickets verkauft wurden. Man sieht, dass das Volumen an Sportaktivitäten- und Freizeitumsätzen in dem Monat um rund 50 Prozent gestiegen ist. Angesichts der Grösse des Sektors in der Volkswirtschaft könnte dies das BIP-Wachstum im ersten Quartal um etwa 0,15 Prozentpunkte erhöht haben.

Der andere Weg zur Abschätzung der Auswirkungen ist, die Zahl der verkauften Tickets und den gezahlten Preis heranzuziehen. Unter der Annahme, dass im ersten Jahresviertel etwa eine Million Tickets zum Preis von rund 270 Euro verkauft wurde, wäre der Gesamtumsatz etwa 270 Millionen Euro. Mit Vorleistungen von etwa einem Fünftel der Brutto-Produktion in dieser Branche könnte die Wertschöpfung bei etwa 220 Millionen Euro gelegen haben. Auf dieser Basis haben die Ticketverkäufe das nominale BIP im ersten Quartal womöglich um 0,05 Prozentpunkte gesteigert. Das Ergebnis weicht nicht stark von dem ersten Ansatz ab. Daher scheint es sinnvoll anzunehmen, dass das Wachstum im ersten Quartal bereits um etwa 0,1 Prozentpunkte infolge der Ticketverkäufe erhöht wurde. Der Effekt wird im zweiten Jahresviertel 0,1 Prozentpunkte abziehen, da die Auswirkung wieder schwindet.

Fernsehrechte und Nebenausgaben könnten helfen

Fernsehrechte könnten einen Beitrag leisten, da hier die Umsätze grösser sind als bei den Ticketverkäufen. Doch der BIP-Effekt, wenn es ihn denn gibt, ist hier viel schwieriger zu schätzen. Das liegt daran, dass sie in verschiedenen Runden, in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten versteigert werden. Weder die Uefa noch das Unternehmen, das die Rechte verkauft, haben ihren Sitz in Frankreich. Tatsächlich könnten die Rechte, die französische Sender erworben haben, sogar als Importe erfasst werden und das Wachstum belasten. Weil das Geld sowieso wahrscheinlich bereits den Besitzer gewechselt hat, dürfte die Aktivität bereits in der Statistik erfasst worden sein.

Nebenausgaben wie für Hotelaufenthalt, Lebensmittel und Alkohol sind schwer abzuschätzen. Laut Uefa-Schätzung werden 2,5 Millionen Zuschauer in den Stadien und weitere 7 Millionen in den Fan-Zonen sein. Ein Grossteil ihrer Ausgaben wird Geld sein, das sie andernfalls auch ausgegeben hätten. Für das BIP kommt es auf die zusätzlichen Ausgaben an, die wahrscheinlich relativ gering sind.

Bei den Olympischen Spielen 2012 in Grossbritannien gab es einige Anzeichen dafür, dass die Menschen eher weniger als mehr ausgaben. Dieses Mal könnten sich die französischen Verbraucher entscheiden, die Spiele zu Hause zu schauen anstatt auszugehen und Geld für andere Aktivitäten auszugeben. Angst vor Überfüllung könnte vor allem nach den jüngsten Terroranschlägen in Paris abschreckend wirken. Sollte die französische Mannschaft beim Turnier gut abschneiden, könnte das die Ausgaben wiederum erhöhen.

1,5 Millionen zusätzliche Besucher

Grösseren Einfluss dürften die 1,5 Millionen ausländischen Besucher haben, die die Uefa in Frankreich erwartet und von denen viele andernfalls nicht gekommen wären. Sie könnten rund 500 Millionen Euro ausgeben, wovon etwa 250 Millionen Euro auf Hotels und Gaststätten entfallen dürften. Das würde das nominale BIP wiederum um rund 0,05 Prozentpunkte im zweiten Quartal steigern.

Die Meisterschaft dürfte für einige Spitzen und Tiefen in den Quartalszahlen sorgen, aber sie werden den zugrundeliegenden Wachstumspfad wahrscheinlich nicht deutlich beeinflussen. Um den Wirtschaftsausblick aufzuhellen wird viel mehr als nur die Fussball-Europameisterschaft nötig sein.

(bloomberg/gku)

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