Schweizer Reiseveranstalter kennen noch keine Zypernkrise. «Es ist die Insel der  Aphrodite», schwärmt etwa die Marketingtruppe von Kuoni vollmundig auf ihrem Onlineportal. Es sei kein Zufall, dass die Göttin der Schönheit und Liebe genau an Zyperns Küste aus den türkisfarbenen Fluten des Meeres gestiegen sei.

Tatsächlich pflegen die Schweizer einen lockeren Umgang mit der Mittelmeerinsel. Man verbringt dort seinen Urlaub, vergisst in der WM-Qualifikation das Toreschiessen – und lästert jetzt gerne mal über das jüngste Finanzdesaster. Das Ganze scheint ja weit weg zu sein.

Mit Ach und Krach kriegte die EU gerade noch mal die Kurve. Die vorläufige Rettung des sonnigen Bonsai-Staates gleicht einer Tragödie. Die Brüsseler Bürokraten wirken wie Anfänger. Ein Land mit der beinahe vernachlässigbaren Wirtschaftskraft des Tessins brachte doch tatsächlich eine ganze Währungsunion ins Zittern. Das erstaunt freilich nicht.

Anfänglich sollten ja die Kleinsparer für die Fehler ihrer Politiker zahlen. Der Tabubruch führte europaweit zu einem Aufschrei. Hatte man doch noch vor kurzem gesetzliche Vorschriften durchgedrückt, die Bankeinlagen bis 100'000 Euro schützen sollten. Brüssel schiebt nun die Schuld für das Desaster den Zyprioten in die Schuhe. Dort will es keiner gewesen sein.

Nicht nur Russen profitierten vom Modell Zypern

In der Schweiz lehnt man sich derweil selbstzufrieden zurück. Das miserable Krisenmanagement der EU bestätigt hierzulande alle Vorurteile. Stramme Brüssel-Skeptiker erhalten wieder mal mächtig Auftrieb. Wie die zwei alten Herren in der Muppet Show kommentiert man die ganze Katastrophe. Einer davon ist etwa Ex-UBS-Chef Oswald Grübel. Zypern habe jahrelang über seine Verhältnisse gelebt, lesen wir in seiner sonntäglichen Kolumne. Niemand habe etwas aus der Pleite in Island gelernt. Und auch die Europäische Zentralbank habe dem Treiben tatenlos zugeschaut.

Das ist zwar alles richtig, aber ein entscheidender Punkt fällt dabei unter den Tisch. Wer hat eigentlich jahrelang vom inzwischen gescheiterten Geschäftsmodell Zypern profitiert? War das Ganze wirklich nur eine simple Beziehungskiste zwischen russischen Schwarzgeldsündern und mediterranen Ich-schau-mal-nicht-so-genau-hin-Bankern? Das war es nicht.

Zyperns Aufstieg hängt nicht zuletzt mit den Dumpingsteuern für Holdings zusammen. Das Internet ist voll mit Treuhändern, die die Segnungen zypriotischer Firmenkonstrukte preisen. Bei Beteiligungsgesellschaften fallen keine Gewinnsteuern an. Neben den Russen nutzten das auch Konzerne aus Deutschland und anderen EU-Ländern.

Eine Holding auf Zypern und ein Schweizer Konto

Die Schweiz und ihre Banken gehören zu den heimlichen Profiteuren der Steueroase Zypern. Im Jahr 2011 bunkerten Kunden mit zypriotischer Herkunft bei Credit Suisse, UBS & Co. rund 6 Milliarden Franken. Darunter sind natürlich viele Russen, die über Holdings auf der Insel auch ein Konto in der Schweiz pflegen. Längst nicht alle Oligarchen vertrauten den Zyprioten ihr ganzes Geld an, sondern bevorzugten die bewährten Dienste eines  Schweizer Private Banker. In der Rohstoffbranche fällt das besonders auf.

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So manche russisch beherrschte Firmengruppe unterhält in Nikosia oder Limassol eine Finanzierungsgesellschaft mit Zweigniederlassung in einem Schweizer Niedrigsteuerkanton – inklusive Bankverbindung.

Schweizer Banken betonen in diesen Tagen, wie zurückhaltend sie Fluchtgeld aus Zypern annehmen werden. Die bisherigen Geschäfte blenden sie gerne aus. Das ist nicht ehrlich, aber verständlich. Keiner will in einer allfälligen Krisengewinnler-Affäre alt aussehen. Vielleicht hilft ja ein Tipp von Kuonis Reisestrategen. Vom Aphrodite-Mythos zeuge ein Felsen, dessen Umrundung verjüngend wirken soll. «Schwimmen Sie nur in die richtige Richtung!»