Europas Bankensektor ist nach Ansicht einer Gruppe von Wissenschaftlern aufgebläht und stiftet volkswirtschaftlich so gut wie keinen Zusatznutzen.

In einer Studie mit dem Titel «Hat Europa zu viele Banken?» («Is Europe Overbanked?») im Auftrag des bei der Europäischen Zentralbank (EZB) angesiedelten Systemrisikorats kommen die Forscher zu einem eindeutigen Urteil: «Unter dem Strich ist unser Patient abnormal schwer.»

Sie empfehlen als Therapie unter anderem höhere Kapitalanforderungen für die Banken, stärkere Kontrollen für Grossbanken und ein Ende der regulatorischen Vorzugsbehandlung staatlicher Schuldtitel, die von Geldhäusern bislang als risikofreie Anlagen behandelt werden dürfen.

«Das europäische Bankensystem hat eine Grösse erreicht, bei der sein Beitrag für das reale Wirtschaftswachstum null oder sogar negativ ist», heisst es in dem in Frankfurt veröffentlichten Bericht.

Bauboom

In Europa habe sich das Bankensystem in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten so massiv ausgedehnt, dass zu viel Geld in die Immobilienmärkte geflossen sei und zu viele junge Talente von den Banken abgeworben worden seien - zulasten von Unternehmen der Realwirtschaft.

Ausserdem ist nach Ansicht der Experten die Rolle von Europas Bankensektor bei der Kreditvergabe im Vergleich zur Unternehmensfinanzierung über den Kapitalmarkt zu stark. «Das ist Anlass zur Sorge, weil eine so geartete Finanzierungsstruktur mit Übergewicht auf den Banken mit niedrigerem Wirtschaftswachstum einhergeht.»

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Der Europäische Systemrisikorat ist bei der Europäischen Zentralbank (EZB) angesiedelt. Der Rat, dem Finanzexperten der EZB und von Aufsichtsbehörden über Banken, Versicherungen und Finanzmärkte angehören, soll als eine Art Frühwarnsystem für Probleme im Finanzsektor dienen. Warnungen und Empfehlungen des Rats sind nicht bindend für die Politik.

(sda/chb)