EZB-Präsident Mario Draghi versammelt seine Ratskollegen in dieser Woche auf der Mittelmeerinsel Malta, um die Geldpolitik für die 19 Euroraum-Länder festzulegen. Ein felsiges, den Elementen ausgesetztes Eiland bietet vielleicht genau die richtige Kulisse für eine Debatte der Europäischen Zentralbank über die Frage, ob die Volkswirtschaft des Euroraums mehr Hilfe benötigt. 

Die meisten in einer Bloomberg-Erhebung befragten Volkswirte erwarten, dass die Währungshüter entweder auf dieser Sitzung oder aber auf der letzten dieses Jahres am 3. Dezember zu dem Schluss kommen werden, dass sie keine andere Wahl haben als die Stützungsmassnahmen auszuweiten. Die Konjunkturerholung im Euroraum hat mit einer Abschwächung des internationalen Handel und weltweiter Marktvolatilität zu kämpfen.

Kerninflation unter Zielwert

Während Vertreter der Notenbank öffentlich die Linie vertreten, dass es zu früh sei zu sagen, ob die Abschwächung an den Schwellenländer-Märkten und ein Preisrutsch bei Rohstoffen die langsame Konjunkturerholung im Euroraum zum Entgleisen bringen wird, nimmt der Druck zu. EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny schickte den Euro in der vergangenen Woche auf Talfahrt, als er sagte, selbst die Kerninflation, welche die Auswirkungen der niedrigeren Energiepreise nicht berücksichtigt, liege eindeutig unter dem Zielwert.

«Es ist lediglich eine Frage der Zeit, wann weitere Massnahmen ergriffen werden», sagt Alan McQuaid, Chef-Ökonom bei der Marrion Capital Group in Dublin. «Der Inflationsdruck ist weiterhin sehr verhalten, und wenn es keinen dramatischen Anstieg beim Ölpreis gibt, was kurzfristig unwahrscheinlich ist, wird die EZB ihr Inflationsziel so bald nicht erreichen.»

Keine weitere Lockerung am Donnerstag

Die 25 Ratsmitglieder tagen ab Mittwoch in Malta, der kleinsten Volkswirtschaft des Euroraums. Zweimal im Jahr trifft sich das Gremium ausserhalb von Frankfurt. Die Zinsentscheidung wird am Donnerstag um 13.45 Uhr bekannt gegeben. 45 Minuten später tritt Draghi in Valletta vor die Presse.

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Die EZB wird noch keine Ausweitung der quantitativen Lockerung ankündigen, doch 81 Prozent der 53 Umfrageteilnehmer halten es für wahrscheinlich, dass sie es letztlich tun wird. In einer ähnlichen Umfrage lag die Vergleichszahl bei nur 68 Prozent. Von denen, die eine Erhöhung des Volumens der Stützungsmassnahmen erwarten, rechnen 56 Prozent noch vor dem Jahresende damit. 30 Prozent prognostizierten, dass die Entscheidung im nächsten Quartal fällt.

Längeres Anleiheaufkauf-Programm

Von den Ökonomen, die mit einer QE-Ausweitung rechnen, sagen 81 Prozent, dass die EZB die Laufzeit des Programms über das ursprüngliche Enddatum September 2016 ausdehnen wird. 42 Prozent gehen davon aus, dass die Währungshüter das Volumen der monatlichen Käufe von 60 Milliarden Euro erhöhen werden. Nur etwas über ein Viertel erwartet, dass die Notenbank die Bandbreite der von ihr erworbenen Aktiva über die gegenwärtige Liste aus Papieren des öffentlichen Sektors, Covered bonds und forderungsbesicherten Papieren vergrössern wird.

Eine weitere Senkung des Einlagensatzes wurde von 4 Prozent der Befragten prognostiziert. Das ist eine geldpolitische Option, die die Notenbanker in der Öffentlichkeit nicht angesprochen haben. Draghi sagte vor mehr als einem Jahr, dass der Zinssatz das untere Ende erreicht habe, als dieser auf minus 0,2 Prozent gesenkt wurde. Dennoch preist der Markt, wie Strategen der UBS argumentieren, eine Wahrscheinlichkeit von mindestens 50 Prozent für eine weitere Senkung um 0,1 Prozentpunkte ein.

(bloomberg/ise/me)