Zunächst sah es nach einer äusserst gewöhnlichen Monatssitzung aus. Mario Draghi trug sein vorbereitetes Statement am gestrigen Donnerstag ohne grosse Änderungen gegenüber April vor: Einerseits gebe es Anzeichen der wirtschaftlichen Erholung, besorgt sei man jedoch über die anhaltend niedrige Inflation, sagte der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB). Den Leitzins beliess die EZB bei 0,25 Prozent.

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Im weiteren Sitzungsverlauf jedoch wurde klar: Die Sorge, dass die Inflation noch länger als bislang gedacht unter der Zielrate von mittelfristig nahe, aber unter zwei Prozent liegen könnte, wächst. Nach Ansicht des Italieners bestehen sogar erhebliche Abwärtsrisiken zum derzeitigen Inflationsausblick. Sowohl die Aufwertung des Euro als auch die geopolitischen Risiken – namentlich die Krise in der Ukraine – belasten, wie Draghi betonte.

Draghi «fühlt sich wohl» damit, im Juni zu handeln

Dabei sind die Währungshüter bereits heute skeptisch: Ihrer Prognose zufolge nehmen die Konsumentenpreise in diesem Jahr nur um rund 1 Prozent zu, im kommenden Jahr dann um 1,3 Prozent. Für 2016 wird eine Rate von 1,5 Prozent veranschlagt. Das alles ist deutlich weniger als der angestrebte Zielwert.

Und dann sagte Draghi einen Satz, der aufhorchen liess: Man fühle sich wohl damit, im Juni nötigenfalls zu handeln. Allerdings wolle man noch die nächsten Prognosen abwarten.

Depositenrate auf minus 0,25 Prozent?

Wie die Massnahmen aussehen könnten, hat nun Ökonom Daniel Hartmann von der Bantleon Bank formuliert. Er rechnet damit, dass die EZB im kommenden Monat ihren Instrumentenkasten «vollständig ausreizen» wird. Der Leitzins dürfte seiner neuen Prognose zufolge von derzeit historisch niedrigen 0,25 Prozent auf Null gesenkt werden. Diverse Beobachter gehen davon aus, dass Draghi dieser Ankündigung mittels Leitzinssenkung im kommenden Monat Taten folgen muss.

Doch damit nicht genug: Erstmals in der Geschichte der Euro-Zone wird die EZB nach Ansicht von immer mehr Fachleute im Juni zudem den Depositensatz auf minus 0,25 Prozent senken. Bislang liegt diese Rate bei Null. Das würde bedeuten: Wollen Banken ihre überschüssige Liquidität kurzfristig bei der Notenbank parken, müssen sie eine Busse dafür zahlen. «Für diese Massnahme spricht, dass Draghi während der Pressekonferenz immer wieder auf die Problematik des Wechselkurses hingewiesen hat und negative Leitzinsen als das 'beste' Mittel zur Bekämpfung der Euroaufwertung angesehen werden», so Bantleon-Ökonom Hartmann.

Grossbanken erwarten nach gestern Minuszinsen

Neben Hartmann erwarten auch die Experten bei der UBS seit der gestrigen EZB-Sitzung, dass die Depositenrate im Juni erstmals in den negativen Bereich rutscht. Sie gehen indes nur von bis zu minus 0,15 Prozent aus. Bei der UBS hält man zusätzliche Liquiditätsmassnahmen, etwa die Senkung der Mindestreserve, ebenfalls für möglich. Auch andere grosse Finanzinstitute wie Goldman Sachs, Barclays und BNP Paribas erwarten, dass die EZB Anfang Juni die Einführung negativer Depositzinsen bekannt geben wird. Andere Fachleute geben sich noch etwas zurückhaltender: So änderten Credit Suisse und Deutsche Bank ihre Prognosen bislang noch nicht.

«Die EZB wird wahrscheinlich ihren Leitzins und den Depositzins senken, insbesondere dann, wenn die neuen Staff-Vorhersagen eine weitere Verschlechterung der Inflationslage ergeben», sagt Guntram Wolff, Direktor des Brüsseler Thinktank Bruegel.

Das Beispiel Dänemark zeigt, wie es gehen kann

Was für die Euro-Zone ein Novum wäre, wurde in der Schweiz bereits in den 1970er Jahren erprobt. Als der Schweizer Franken wegen der Ölkrise massiv aufwertete, verständigten sich SNB und Geschäftsbanken darauf, den Franken zu schützen. Zu den Massnahmen gehörten auch Negativzinsen auf kurzfristige ausländische Frankenguthaben. Erst vor wenigen Wochen plädierte der Internationale Währungsfonds neuerdings für negative Zinsen in der Schweiz, sollte der Deflationsdruck hierzulande steigen.

Nach der Finanzkrise wagte bislang vor allem Dänemarks Zentralbank: Kurz nach Einführung eines Minus-Zinses von 0,2 Prozent auf Bankdepositen bei der Zentralbank Anfang Juli 2012 verlor die Krone binnen kürzester Zeit an Wert. Doch gleichzeitig wälzten die Banken die Kosten des Strafzins teilweise auf ihre Kunden über. Kein Wunder, denn Minuszinsen wirken für Banken wie zusätzliche Gebühren.

Die ungewöhnliche Massnahme könnte laut Ökonomen unterm Strich sogar erfolgreich sein und den Euro schwächen – birgt jedoch Risiken. Es drohen verzerrende Effekte: Führt ein negativer Einlagesatz tatsächlich zu einer vermehrten Kreditvergabe, könnten dadurch spekulative Geschäfte befeuert werden, sagt etwa der deutsche Makroökonom Ansgar Belke von der Universität Duisburg.

Schweiz wäre von EZB-Massnahme betroffen

Lockert die EZB ihre Geldpolitik im Juni tatsächlich weiter, wird das auch die Schweiz treffen. Der Franken würde wohl gegenüber dem Euro aufwerten und sich wieder stärker in Richtung der von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) gesetzten Grenze von 1,20 Franken pro Euro bewegen.

Die SNB würde sich dann genötigt sehen, einmal mehr die Wichtigkeit der Frankengrenze zu betonen – und sie bei eventuellen Marktbewegungen mit Devisenkäufen sogar verteidigen müssen. Damit würde denn auch die Geldpolitik der Schweiz noch etwas länger als bislang geplant expansiv bleiben müssen. Dies wiederum würde mit hoher Wahrscheinlichkeit die Übertreibungen am Schweizer Immobilienmarkt zusätzlich verstärken.