Lange schon war die Erwartungshaltung an den wichtigsten Notenbanker Europas nicht mehr so hoch wie vor der heute stattfindenden Monatssitzung des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB). Dies gilt umso mehr, als die Jahresinflation im Mai nur noch bei 0,5 Prozent lag, wie am Dienstag gemeldet wurde.

Damit liegt die Teuerung einmal mehr weit unter der verbindlichen mittelfristigen Zielrate der Euro-Währungshüter von «nahe, aber unter zwei Prozent». Im Gesamtjahr dürften die Konsumentenpreise lediglich um rund ein Prozent zulegen, erwartete die Frankfurter Institution bis zuletzt.

«Der Befund ist eindeutig», sagt Holger Schmieding, Chefökonom der Privatbank Berenberg. Gemessen am mandatsgerechten Massstab – dem Preisauftrieb – hätte die EZB ihre Geldpolitik bereits in den vergangenen Jahren etwas stärker lockern müssen, findet er. Damit widerspricht Schmieding dem oft geäusserten Vorwurf, die EZB enteigne mit ihrer Geldpolitik die privaten Sparer.

EZB dürfte ihre Inflationsprognose senken

Verschärfend kommt nun hinzu: Aller Voraussicht nach wird die EZB ihre Prognosen – sowohl für die Inflation als auch das wirtschaftliche Wachstum – für dieses Jahr heute einmal mehr nach unten revidieren. Anfang Mai betonte Draghi noch, die eigenen Vorhersagen abwarten zu wollen – um dann gegebenenfalls im Juni zu handeln.

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Dies wird nun der Fall sein. Dies zumindest erwarten inzwischen fast alle Fachleute. Doch wie viel Pulver hat die EZB angesichts eines Leitzinses von historisch niedrigen 0,25 Prozent überhaupt noch zur Verfügung? Experten sind sich einig, dass dieser Hauptrefinanzierungssatz nun weiter gesenkt wird – womöglich auf 0,1 Prozent, wie etwa die Fachleute der Dekabank und des Anleiheinvestors Bantleon erwarten.

Welche Massnahmen hat Draghi überhaupt noch?

Darüber hinaus ist wahrscheinlich, dass der Einlagensatz für Geschäftsbanken bei der EZB erstmals seit Einführung der Gemeinschaftswährung in den negativen Bereich rutscht. Für diese Massnahme spreche, dass Draghi immer wieder auf die Problematik des Wechselkurses hingewiesen hat und negative Leitzinsen als das beste Mittel zur Bekämpfung der Euroaufwertung angesehen werden, sagte Bantleon-Ökonom Daniel Hartmann handelszeitung.ch am Tag nach der letzten Ratssitzung im Mai. Das Problem: Ein starker Euro schwächt die heimische Wirtschaft und erhöht über niedrige Importpreise den Deflationsdruck.

Auch andere grosse Finanzinstitute wie Goldman Sachs, Barclays und BNP Paribas erwarten, dass die EZB heute die Einführung negativer Depositzinsen bekannt geben wird.

EZB steckt in einem Dilemma

Entscheidend wird für Draghi indes die Frage sein, ob seine Massnahmen auch bei Unternehmen und Konsumenten ankommen. Denn eine weitere Lockerung der Geldpolitik verschärft das bestehende Dilemma der EZB. Einerseits sind bereits heute Überhitzungserscheinungen auf einigen Finanzmärkten zu beobachten – Kritiker führen hier oft die Hausse an den Aktienmarkt oder den aufstrebenden Immobilienmarkt in Deutschland an. Andererseits jedoch kommt die Kreditvergabe in der Euro-Wirtschaft, vor allem in den Südländern, nicht richtig in Fahrt.

Entsprechend rechnen Fachleute damit, dass die heutigen Massnahmen auch spezielle langfristige Refinanzierungsgeschäfte beinhalten könnten. Diese würden dann mithilfe von Auflagen sicherstellen, dass die Banken das geliehene Geld für die Kredite an die Realwirtschaft verwenden. «Damit solche Langfristtender auch tatsächlich in Anspruch genommen werden, müsste die EZB sie jedoch mit erheblichen Anreizen garnieren», sagt Kristian Tödtmann von der Dekabank.

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Banken müssen Kreditrisiken aus Bilanzen entfernen

Eine andere Massnahme könnte der Ankauf verbriefter Kredite in Form von Asset Backed Securities (ABS) sein. Eine Belebung auf diesem Markt würde Banken laut Experten in die Lage versetzen, auf dem Wege der Verbriefung Kreditrisiken aus ihren Bilanzen zu entfernen. Entsprechend sollte die Bereitschaft steigen, neue Kreditengagements einzugehen, und damit die Darlehenskonditionen für Haushalte und Unternehmen verbessern.