Die Europäische Zentralbank (EZB) geht in die Vollen: Um die Euro-Wirtschaft anzukurbeln und zu verhindern, dass der Währungsraum in die Deflation abgleitet, hat sie ein riesiges Lockerungspaket geschnürt. Nicht nur sinken die Leitzinsen auf neue Tiefstände, inklusive eines Strafzinses auf EZB-Bankguthaben. Darüber hinaus wollen die Währungshüter die schwache Kreditvergabe mit einem milliardenschweren Stützungsprogramm anschieben. Die Notenbank sieht zudem weitere Möglichkeiten der Lockerung.

Der Leitzins werde von 0,25 auf 0,15 Prozent gekappt, teilte die Notenbank am Donnerstag in Frankfurt mit. Zudem müssen Banken künftig einen Strafzins bezahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken: Dafür wird der Einlagezins erstmals unter die Nulllinie auf minus 0,10 Prozent reduziert. Der Zinssatz für Notfallkredite sinkt sogar um 0,35 Punkte auf 0,4 Prozent.

Die Zinssenkungen waren vom Gros der Experten im Vorfeld erwartet worden. Auf der Medienkonferenz am Nachmittag kündigte EZB-Direktor Mario Draghi ein ganzes Paket an weiteren Massnahmen an, um die Kreditvergabe an Unternehmen und Konsumenten in der Euro-Zone zu stärken.

Die Zentralbank wolle im September und Dezember zwei rund vier Jahre laufende Kreditlinien für die Banken auflegen, sagte  Draghi. Die unter dem Kürzel TLTRO firmierenden Geldspritzen sollen zielgerichtet in die Realwirtschaft fliessen – allerdings nicht zur Finanzierung von Häuserkäufen. Das Anfangsvolumen bezifferte Draghi auf insgesamt 400 Milliarden Euro.

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«Wir sind noch nicht fertig, wenn es weitere Massnahmen braucht»

Die Entscheidung zu dem Paket sei einstimmig gefallen. «Wir sind noch nicht fertig, wenn es weitere Massnahmen braucht», kündigte Draghi an.

Die Banken haben dann nach jeweils zwei Jahren die Möglichkeit, die Kredite vorzeitig zurückzuzahlen. Die EZB hatte auf dem Höhepunkt der Krise 2011/12 bereits mit zwei jeweils gut 500 Milliarden Euro schweren Liquiditätsspritzen das Finanzsystem geflutet. Damals hatten die Banken einen Gutteil des Geldes aber in als sicher angesehene Staatsanleihen investiert – was zwar die Staaten und die Banken stützte, aber zu keinen neuen Krediten führte. Dies soll bei dem neuen Programm anders laufen: Draghi kündigte an, dass das Geld nicht zum Ankauf von Staatsanleihen verwendet werden soll.

EZB senkt Wirtschafts- und Inflationsprognosen

Als einen Grund für das Massnahmenpaket nannte Draghi auf der Medienkonferenz, dass sich der wirtschaftliche Ausblick verschlechtert habe: Der EZB-Stab rechnet nunmehr nur noch mit einem Anstieg der Wirtschaftsleistung um 1,0 Prozent in diesem Jahr. Bislang hatten die Währungshüter 1,2 Prozent veranschlagt.

Die Inflation werde weiter schwach bleiben, bevor sie 2015 nur leicht zulege, sagte Draghi. Die Teuerungsrate werde 2016 bei 1,4 Prozent und damit unter dem angestrebten Zielwert von knapp zwei Prozent liegen, hiess es in den am Donnerstag veröffentlichten Projektionen der EZB-Ökonomen. Für dieses Jahr werden sogar nur 0,7 Prozent erwartet, nachdem im März noch von 1,0 Prozent die Rede war. Für 2015 wurde die Prognose von 1,3 auf 1,1 Prozent gesenkt.

Inflation liegt weit unter EZB-Ziel

Im Mai war die Jahresteuerung im Euroraum auf 0,5 Prozent gesunken. Dieser Wert liege unter den Erwartungen, so Draghi am Donnerstag. Sie liegt damit deutlich unterhalb der Zielmarke der EZB von knapp unter 2,0 Prozent. «Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt», hatte Draghi erst in der vergangenen Woche betont.

Denn der geringe Preisauftrieb schürt Sorgen vor einer Deflation, also einer Abwärtsspirale der Preise quer durch alle Warengruppen. Unternehmen und Konsumenten könnten dann Investitionen und Anschaffungen in Erwartung weiter sinkender Preise hinauszögern. Das würde die ohnehin fragile Konjunkturerholung in Europa abwürgen.

Lobender IWF, jubelnde Anleger

Der Internationale Währungsfonds (IWF) lobte die Zinssenkung in höchsten Tönen. «Wir begrüssen die sehr proaktive Haltung, die von der EZB heute eingenommen wurde, ausdrücklich», erklärte IWF-Sprecher Gerry Rice in Washington.

An der Börse sorgte die Entscheidung der Notenbank vorübergehend für Jubelstimmung. Der deutsche Aktienindex Dax sprang am Donnerstag erstmals in seiner 26-jährigen Geschichte über 10'000 Punkte. Am Schluss notierte er jedoch mit 9947 Punkten nur leicht höher als am Vortag. Der Swiss Market Index (SMI) schloss leicht tiefer.

(moh, mit Material von reuters und sda)