Die Europäische Zentralbank (EZB) steht unter Zugzwang: Anleger erwarten Klarheit darüber, auf welche Art die Notenbank Krisenländer am Anleihemarkt unterstützen könnte.

Für die Ausgestaltung eines entsprechenden Programms wird nach Informationen der Tageszeitung «Die Welt» innerhalb der Notenbank nun eine bisher wenig beachtete Variante diskutiert: Die EZB könnte festlegen, welche Zinsen oder welchen Risikoaufschlag sie für die Anleihen eines Krisenlandes maximal akzeptieren würde – und dieses Ziel öffentlich bekannt geben.

Vorbild wäre etwa die Euro-Franken-Untergrenze der Schweizer Nationalbank, schreibt die «Welt». Ähnlich könnte sich die EZB festlegen, was die maximalen Renditen von Euro-Anleihen angeht.

Geheime Untergrenzen

Etliche Notenbanker würden allerdings eine andere Variante bevorzugen, wie mehrere mit den Diskussionen vertraute Personen berichten. Demnach könnte die EZB zwar intern einen Zielwert oder eine Bandbreite für den Zins bestimmter Anleihen definieren – diese Werte aber nicht veröffentlichen.

Die Frage, ob die EZB sich zu möglichen Zinsschwellen auch öffentlich bekennt oder nicht, ist nach Einschätzung von Experten von grosser Bedeutung. Wenn eine von der Notenbank verteidigte Obergrenze auch offiziell bekanntgegeben würde, wüssten Spekulanten von Vornherein, ab wann sie sich die Finger verbrennen.

Da die EZB als Herrscher über die Geldmenge theoretisch unendlich tiefe Taschen hat, lohnt es sich nicht, gegen sie zu wetten. Die öffentliche Ankündigung, ein Kursziel zu setzen, hat deshalb hohe Abschreckungskraft.

Kritik: inoffizielle Schwellen nicht verlässlich

«Eine explizite Zinsschwelle wäre ein grosser Vorteil», sagt Ökonom Christian Schulz von der Berenberg Bank. Ohne eine klare Ansage würden die Finanzmärkte testen, wo die Grenze der EZB liegt, so dass diese zu wesentlich grösseren Eingriffen gezwungen werden dürfte. Damit würden die Anleihekäufe unnötig teuer. Zudem könne sich der Markt auf inoffizielle Schwellen nicht verlassen. Selbst wenn die Notenbank regelmässig ab bestimmten Niveaus intervenieren würde, bleibe unklar, ob diese Marken auch künftig Fortbestand haben.

Anzeige

Der EZB-Rat will in seiner Sitzung am 6. September darüber entscheiden, wie die in Aussicht gestellten Interventionen bei spanischen oder italienischen Staatsanleihen aussehen könnten. Dieser Tage haben die Fachleute der EZB dem «Welt»-Bericht zufolge die Meinungen aller Notenbanken in Euroland eingeholt. In Kürze werden sie ihre Empfehlungen vorlegen.

Eine Entscheidung gebe es noch nicht, auch keine Beschlussvorlage des Direktoriums, betonen alle Beteiligten. Es zeichne sich aber bereits ab, dass die Idee einer offiziellen Obergrenze für Anleihezinsen, die zuletzt von vielen Experten diskutiert wurde, innerhalb des EZB-Rats eher wenig Rückhalt habe.

(laf/tno/awp)